Awareness matters
Beauftragte für mehr Sicherheit aus verschiedenen Perspektiven sind heute auf verschiedenen Veranstaltungen unterwegs.
Dorothea Tuch / re:publica, CC BY-SA 2.0
Er steht vor einer lauten Halle in Fulda. Nach draußen dringt dröhnend 2000er-Musik. Vor dem Eingang sammeln sich die ersten Gäste. Leon Hohmann (23) trägt eine gelbe Warnweste. Doch er ist kein Türsteher, kontrolliert keine Tickets und greift auch nicht ein, wenn jemand zu laut feiert. Seine Arbeit beginnt erst dann, wenn sich jemand unwohl oder bedrängt fühlt. Er arbeitet als freiberuflicher Awareness-Beauftragter.
Leon Hohmann setzt auf Veranstaltungen Impulse für ein achtsames Miteinander.
Conrad Solms-Laubach
Eigentlich studiert Hohmann Lehramt. Die Awareness-Arbeit macht er jetzt seit zwei Jahren nebenbei. Auf Veranstaltungen ist er Ansprechpartner für Menschen, die Unterstützung brauchen, sei es nach Konflikten, Belästigungen oder diskriminierenden Vorfällen. „Ich sorge auf Veranstaltungen dafür, dass Menschen bei unangenehmen Situationen Hilfe bekommen und sich möglichst sicher fühlen können“, sagt er.
Die Arbeit beginnt für ihn lange vor dem eigentlichen Event. Wie ist er zum Beruf gekommen? Gemeinsam mit Veranstalterinnen und Veranstaltern entwickelt er Konzepte: Wo befindet sich ein Awareness-Point? Gibt es Rückzugsräume? Wie arbeiten Security, Sanitätsdienst und Awareness-Team zusammen? Am Tag der Veranstaltung treffen sich alle zu einem Briefing, besprechen mögliche Risiken und verteilen Aufgaben.
Während der Veranstaltung sind die Mitglieder des Awareness-Teams sichtbar im Publikum unterwegs oder an einer festen Anlaufstelle erreichbar. Hier bekommen Gäste gratis Wasser oder Getränkeschutzdeckel, welche verhindern, dass unbemerkt etwas ins Getränk gelangen kann. „Am häufigsten kommen vor allem Frauen oder weiblich gelesene Personen hierher. Für sie ist sexuelle Belästigung das größte Thema“, sagt Hohmann.
Hohmann verteilt über den ganzen Abend hinweg Getränkeschutzdeckel, sogenannte KO-Stopp-Gummis. Diese können über Gläser gestülpt werden, und somit verhindern, dass etwas hineingelangt.
Conrad Solms-Laubach
Was er sagt, wird von Fachstellen bestätigt. Nach Einschätzung der Münchner Initiative „Moderation der Nacht“ (MoNa), einer städtisch unterstützten Anlaufstelle für Konflikte im Nachtleben, ist sexuelle Belästigung das häufigste Problem auf Veranstaltungen, gefolgt von Diskriminierungsfällen. Zu Hohmanns Aufgaben gehört es dann, mit den Betroffenen zu sprechen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. „Oft hilft es schon sehr, wenn ich einfach zuhöre. Was genau dann passiert, entscheidet die betroffene Person selbst.“
Birgit Bockschweiger ist Referentin für Antidiskriminierung und Diversity sowie Leiterin der Antidiskriminierungsstelle der Universität Regensburg. Sie sieht in der Entwicklung von Awareness-Arbeit vor allem einen Wandel im Verantwortungsverständnis von Veranstaltern. „Es geht weniger darum, dass Awareness-Teams früher nicht gebraucht worden wären“, sagt sie. „Vielmehr übernehmen Veranstaltende heute stärker Verantwortung dafür, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Verstöße nicht ohne Folgen bleiben.“
Wenn Hohmann unterwegs ist, wird es auch für ihn manchmal ernst. „Ich habe schon viele Situationen erlebt, in welchen Leute einfach viel zu betrunken oder sogar auf Drogen waren. Da muss man wirklich feinfühlig sein und vermitteln. Zur Not hole ich die Security dazu.“ Statistiken zeigen, dass die Fallzahlen von Straftaten, und besonders sexuellen Übergriffen, in den letzten Jahren stiegen. Auch das trage dazu bei, weiß Bockschweiger als Expertin für Gleichbehandlung, dass Awareness-Arbeit in den letzten Jahren immer mehr diskutiert werde.
Polizeilich erfasste Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen sind in Deutschland in den vergangenen Jahren gestiegen. 2024 registrierte das Bundeskriminalamt 13.320 Fälle.
Bundeskriminalamt, PKS 2024. Eigene Darstellung.
Trotz dieser Entwicklung ist Awareness-Arbeit noch kein klassischer Beruf mit festgelegter Ausbildung. Stattdessen existieren Workshops, Leitfäden und Trainingsprogramme, in denen Grundlagen wie Gesprächsführung, Konfliktmoderation oder der Umgang mit Diskriminierung vermittelt werden.
Viele Menschen arbeiten zunächst ehrenamtlich in Awareness-Teams und sammeln praktische Erfahrung. Auch wirtschaftlich befindet sich das Feld noch im Aufbau. „Ich würde ehrlich sagen: Es ist im Moment meistens noch eher Projekt- oder Nebenarbeit als ein klassischer Vollzeitberuf“, sagt Hohmann. Große Festivals oder Clubs buchen teilweise professionelle Teams, während kleinere Veranstaltungen häufig mit ehrenamtlichen Strukturen arbeiten.
Mit der zunehmenden Verbreitung wächst jedoch auch die Kritik. Leitfäden von Awareness-Kollektiven warnen vor sogenanntem „Awareness-Washing“, also Konzepten, die zwar auf dem Papier existieren, in der Praxis aber kaum umgesetzt werden. So würden Veranstalter mit Awareness werben, ohne ausreichend geschulte Teams oder klare Strukturen bereitzustellen. Auch Hohmann kennt diese Diskussion. „Wenn Awareness nur als Image-Maßnahme genutzt wird, hilft das den Menschen auf der Veranstaltung tatsächlich wenig, ganz im Gegenteil. Es lässt echte Awareness-Arbeit schlecht aussehen“, sagt er.
Noch ist Awareness-Arbeit nicht überall Standard. Doch Hohmann glaubt, dass sich das langfristig ändern wird. „Awareness-Arbeit entwickelt sich gerade von einer Nischenpraxis zu einem festen Bestandteil vieler Veranstaltungen, und das ist auch gut so. In meiner optimalen Welt bräuchte es uns nicht. Aber meine Erfahrung zeigt mir, dass es bis dahin noch dauern wird.“
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