Gesellschaft

Von Funken und Fingerspitzen

Jenny Giering
Lesezeit 10 Minuten
Claudia schmilzt Gold

Claudia beim Goldschmelzen: Ihre Profession ist mehr als ein Beruf, vielmehr eine Berufung.

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Claudia Otremba hält die Tradition am Laufen, die schon ihren Vater mit Leben gefüllt hat, das Goldschmieden: „Das ist viel mehr als ein Beruf.“
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Ein leises Zischen erfüllt die Werkstatt, als Claudia den Bunsenbrenner anzündet. Die Flamme tanzt blau über dem Gold, und sie wirkt so konzentriert wie jemand, der seit Jahrzehnten weiß, was er tut. „Am Anfang habe ich mir ständig den Pony angesengt“, sagt sie grinsend, ohne den Blick vom Schmelztiegel zu lösen. Heute brennt hier nur noch die Leidenschaft – für ein Handwerk, das Schritt für Schritt verschwindet. Doch Claudia zeigt, warum es bleiben muss: weil echte Kunst Hände braucht. Und weil Gold erst durch Menschen wie sie eine Seele bekommt.

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Claudia sitzt mit Bunsenbrenner an ihrem Arbeitsplatz
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Claudia Otremba begeistert sich nach 25 Jahren immer noch für ihren Beruf. Bei ihrem Vater, der ebenfalls Goldschmied ist, war sie schon als kleines Kind mit in der Werkstatt. Sie durfte selbst mit Hand anlegen, hämmern und werkeln. Die Faszination für das Handwerk bewegte Claudia dazu, eine Lehre zum Goldschmied zu absolvieren.

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Claudia feilt ein Stück Gold
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„Zu meinen Lieblingsarbeitsschritten gehört das Feilen“, hier könne sie zur Ruhe kommen. „Das macht für mich einfach den Wert des Berufs aus. Dass man etwas mit den Händen erschafft“, erzählt Claudia, während sie in sich gekehrt, fast schon meditativ eine kleine Goldplatte feilt, aus der ein neues Schmuckstück entsteht.

Doch für die Zukunft der Goldschmiede sieht es nicht gut aus, denn genau diese aufwändige Handarbeit wird nicht mehr länger geschätzt – das sind sich Claudia und ihre befreundeten Goldschmiede einig. Claudia braucht für einen Ring mindestens zehn Stunden, was eine Maschine weitaus schneller und kostengünstiger in Massenware produzieren kann. Fehlt dieses Handwerk, fehlt auch jemand, der Schmuck nicht nur herstellt, sondern ihm Charakter verleiht. 

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Claudias Geschäft

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Schmuck liegt auf der Werkbank

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Die Ladentüre bleibt die meiste Zeit geschlossen. In Dachau hat es einst vier Goldschmiedewerkstätten gegeben, von denen nur noch Claudias übriggeblieben ist. Sie beobachtet, dass viele lieber günstigen Modeschmuck kauften und ihn regelmäßig ersetzten. „Sie legen keinen Wert mehr auf hochwertige Materialien, die immer teurer werden“, so schildert Claudia ihre Erfahrungen. Die Laufkundschaft bleibt aus, obwohl ihr Geschäft direkt in der Altstadt ist.

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Claudia sitzt an ihrer Werkbank, umgeben von viel Werkzeug
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Wer den Platz auf der freien Werkbank neben ihr einnimmt, den vor kurzem noch ihr Vater besetzt hat, ist noch nicht sicher. Die Branche kämpft um Nachwuchs. In den letzten 20 Jahren haben sich die Zahlen der Auszubildenden halbiert, so die Handwerkskammer. Im Jahr 2005 haben noch 910 Personen eine Ausbildung begonnen. Jetzt sind es lediglich 465. Claudia hat Bedenken für die Zukunft: „Viele können sich die immensen Materialkosten einfach nicht leisten.“ Die Unterstützung der Eltern sei auch nicht selbstverständlich. „Für eine Abschlussarbeit muss man schon so mit 5000 Euro rechnen.“ 

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Gold liegt auf einer Waage
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Der Goldpreis schwankt zwischen 11.000 und 14.000 Euro pro 100 Gramm zu Beginn des Jahres 2026. Um den Wert ihrer Arbeiten präzise kalkulieren zu können, hält Claudia deshalb jedes Gramm fest, das sie verarbeitet. Wie viele andere Goldschmiede kämpft auch sie ums wirtschaftliche Überleben. Neue Auszubildende aufzunehmen sei für viele Betriebe kaum noch zu stemmen: Sie brauchen Betreuung, Material, einen eigenen Arbeitsplatz und gut ausgestattetes Werkzeug – all das kostet. Viele Meisterbetriebe scheuen diese zusätzlichen Kosten, und so werden Ausbildungsplätze im Goldschmiedehandwerk immer seltener.

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Claudia bearbeitet Gold mit einer Walze

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Gold wird mit einer Ringbiegemaschine gebogen

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Während Claudia vor allem mit traditionellen Werkzeugen, wie hier auf dem Bild zu sehen einer Walze, arbeitet, verändert sich die Ausbildung an vielen Schulen rasant, wie an der Schule in Kaufbeuren. Norman Weber ist dort künstlerischer Leiter an der Berufsfachschule für Glas und Schmuck und erzählt stolz: „Unsere Schüler erlernen auch schon neue Techniken, bei denen sie mithilfe von 3D-Druck Modelle und Gussformen erstellen können.“ Früher sei eine Walze das Teuerste gewesen, was ein Goldschmied kaufen hätte müssen an Geräten. Es lastet immer mehr Druck auf den kleinen Betrieben mit der Zeit zu gehen. Für Claudia wäre es eine Zeitersparnis, mit 3D-Druck zu arbeiten, jedoch sind die hohen Kosten für einen Ein-Mann-Betrieb nicht tragbar. Außerdem erklärt Claudia: „Digitale Technik ist spannend, aber sie darf und kann nicht das traditionelle Handwerk ersetzen.“

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Gold im Schmelztiegel
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Nach all den Jahren im Beruf wird Claudia immer noch warm ums Herz, wenn das Gold den Schmelzpunkt erreicht und flüssig wird. Dieser Moment gehört auch zu den aufregendsten Momenten in der Ausbildung. An sechs Schulen in Deutschland wird dieser Beruf heute noch gelehrt, doch das kostbare Material muss von den Schülern selbst beschafft werden.

Der künstlerische Leiter Norman wünscht sich mehr Unterstützung von der Politik: „Die Kinder sollten früher wieder ans Handwerk herangeführt werden und Möglichkeiten bekommen, auch kostenintensive Ausbildungen absolvieren zu können.“ Die Berufsfachschulen sollten vom Staat besser finanziell unterstützt werden. Außerdem sollten die Schüler die Möglichkeit erhalten, Stipendien zu bekommen.

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Kleine Goldkügelchen liegen in einer Schale
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Die Stadt Kaufbeuren hat die Notwendigkeit, Goldschmiede aufrechtzuerhalten, erkannt und bietet den Schülern eine besondere Möglichkeit. „Die Stadt kauft Gold, und die Schüler dürfen es verarbeiten. Wer dann sein Schmuckstück behalten möchte, kann es der Stadt abkaufen“, erklärt Norman. Dies sei eine einzigartige Herangehensweise. Die Stadt verliere so kein Geld, und die Schüler würden eine unfassbare Chance gewinnen. 

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Claudia bearbeitet Gold mit einem Hammer
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Wenn Claudia mit ruhigem Rhythmus das Metall hämmert, zeigt sich ein Teil des Berufs, der auch in Zukunft nicht verschwinden wird: die Formgebung durch Kraft, Gefühl und Erfahrung. Der Entstehungsprozess von etwas Einzigartigem. Jedoch gehen Gesellen nach ihrer Ausbildung oft zu großen Schmuckhandelsketten, informiert Claudia, bei denen sie maschinell hergestellte Massenwaren verkaufen und Schmuckstücke nur reparieren. „Sie haben dort eben ein sicheres Gehalt und benötigen kein Startkapitel, was schon viele vom Beruf abschreckt“, erzählt Claudia. 

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Die Edelsteinfassung wird an den Ring gelötet
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Die meisten Aufträge, die Claudia bekommt sind Reparaturen, was ihr jedoch am besten gefällt, sind selbst hergestellte Schmuckstücke. „Ringe stelle ich am liebsten her, vor allem Verlobungs- und Eheringe“, erzählt Claudia, während sie die Fassung für einen Edelstein an einen Ring lötet. Nur noch selten kaufen ihre Kunden Schmuck ohne Anlass: „Die Prioritäten der Menschen haben sich verschoben. Die Leute legen einfach mehr Wert auf Quantität als auf Qualität.“

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Claudia misst genau die Mitte des Rings aus für die Edelsteinfassung

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Das Messgerät wird an den Ring angesetzt

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Norman Weber erzählt von der Ausbildung, was Claudia in all ihren Berufsjahren perfektioniert hat: „In den 3,5 Jahren harter Arbeit erlernen die Auszubildenden eine hohe Frustrationstoleranz, denn es geht meist um Millimeter“, wie hier auf dem Foto sehr gut zu sehen ist. Norman sagt: „Die, die es noch lernen wollen, haben keine Lust mehr, vor dem Rechner zu sitzen. Sie wollen etwas Kreatives machen. Dafür müssen sie allerdings ein sehr schlechtes Ausbildungsgehalt in Kauf nehmen.“ Genau diese Präzision spricht Claudia an. Sie liebt es, mehrere Stunden mühseliger Arbeit auf sich zu nehmen, um ein perfektes Ergebnis zu erzielen. 

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Claudia steht in ihrem Laden und trägt ihr Gesellenstück, eine Kette aus Perlen mit Opal
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Noch heute ist Claudia stolz auf ihre Abschlussarbeiten. Ihr wertvolles Gesellenstück, eine Halskette aus Perlen und einem Opal (siehe Bild), trägt sie ihrer Meinung nach viel zu selten. Doch egal, was sie anfertigt, sie behält die harte Arbeit und Schönheit des Schmuckstücks in Erinnerung, denn sie hat etwas geschaffen, was für immer besteht. Wenn sie abends die Werkzeuge fallen lässt und die Straßen Dachaus betritt, ist sie erfüllt: „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht - das können nicht viele behaupten.“

Ein Artikel von

Jenny Giering