Gesellschaft

Macht, Moral und Milliarden: Wie Münchens OBs die Weltstadt formten

Samuel Weber
Alexander Schlundt
Lesezeit 8 Minuten
Collage der ehemaligen OBs München mit mehr als einer Amtszeit

Prägende Figuren: Münchner OBs von Karl Scharnagl bis Dieter Reiter.

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SZ Photo/Scherl/Georg Göbel(dpa)/Bundesarchiv B 145/dpa/Hörhager(dpa)/Michael Nagy/Presseamt. Collage: S. Weber

Wer machte München zu dem was es heute ist? Ein Blick auf die ehemaligen Oberbürgermeister der Metropole an der Isar.
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Wir befinden uns im vom Krieg erschütterten München 1945. Eine Stadt, ein Land und ein bayerisches Volk, das in Scherben liegt. Von Trümmerhaufen zur bunten Weltmetropole an der Isar, diesen Weg sollte München die nächsten 70 Jahre gehen. Dies alles ist den Münchnern gelungen durch einerseits harte Arbeit, Durchhaltevermögen und Menschen mit Vision.

Menschen wie Karl Scharnagl, Georg Kronawitter, Christian Ude und Dieter Reiter, die als Oberbürgermeister der Stadt München dienten. Sie waren prägende Figuren im Wiederaufbau und im Vorantrieb Münchens als Weltstadt. Doch wer waren diese Persönlichkeiten und wie haben sie dazu beigetragen, München zu dem zu formen, was es heute ist?

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Archivbild von Karl Scharnagl

Unter Karl Scharnagl entstand 1928 das erste Hochhaus Münchens in der Blumenstraße.

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Aufnahme 1930 | SZ Photo/Scherl, 00076759

Der Bürgermeister spricht: München lebt noch

Karl Scharnagl, der Mann der Stunde Null. Der Krieg ist vorüber und ein Bürgermeister wurde gebraucht, der dem zerfallenen NS-Regime nicht nahestand. Er war bereits Oberbürgermeister der Stadt München von 1925 bis 1933 und schien für die Besatzungsmacht, die Amerikaner, die beste Wahl zu sein.

Doch München zu führen ist keine leichte Aufgabe. Nicht vorhandener Wohnraum und Nahrungsknappheit waren die zentralen Themen, mit denen sich der erste Oberbürgermeister Münchens nach Kriegsende beschäftigen musste.

 

Durch Medienelemente wie die Radiosendung „Der Bürgermeister spricht“ wandte sich Scharnagl wöchentlich an die Münchner. Dort sprach er über Demokratie, die Entschuttung der Stadt und über Essensrationen. Drastische Zeiten und drastische Maßnahmen, wie eine Zuzugssperre nach München, prägten die Zeit Scharnagls als Oberbürgermeister.

 

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Der „Wimmer-Dammerl“ und sein „Rama dama“

Nach Karl Scharnagl kam Thomas Wimmer, auch liebevoll „Wimmer-Dammerl“. Schreiner aus dem ehemaligen Siglfing, heutzutage Erding, mit kernigem bayerischem Dialekt. Am 29. Oktober 1949 rief er mit seinem „Rama dama!“, also „Räumen tun wir!“, die Münchner auf, zusammen mit ihm die Stadt von Trümmern zu befreien. 7500 freiwillige Helfer schaufelten sich an dem Tag durch Schutt und Asche.

Doch nicht nur sein „Rama dama“ prägt München bis heute, sondern auch die Tradition des „O’zapft is!“ lässt sich auf den Arbeiter-Oberbürgermeister zurückführen. Er schuf 1950 die Tradition, dass der Oberbürgermeister das erste Fass Bier ansticht und somit die Wiesn eröffnet.

 

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Porträt von Hans-Jochen Vogel

4.444 Tage bekleidete der studierte Jurist das Amt des Oberbürgermeisters.

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Bundesarchiv, B 145 Bild-F055059-0019 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA 3.0

Der Mann von Olympia 1972

Hans-Jochen Vogel stand im Gegensatz zum „Wimmer-Dammerl“. Statt Volkstümlichkeit herrschte nun Disziplin. 1960 zog der damals 34-Jährige als jüngster je dagewesener OB einer deutschen Großstadt ins Rathaus ein.

Der junge Hans-Jochen Vogel erkannte schnell, dass das Millionendorf München einen guten Plan brauchte, um nicht im Chaos zu versinken. 1963 beschloss er einen Stadtentwicklungsplan, der die städtebauliche Maßnahmen Münchens für die nächsten 30 Jahre darstellte.

 

Doch nicht nur eine strukturelle Neuplanung Münchens kann sich Vogel auf die Mütze schreiben. Der wohl größte Coup in seiner Laufbahn waren die Olympischen Sommerspiele 1972. München benötigte Milliarden, um für den Bau des ÖPNV aufzukommen. Daher nutzte Vogel Olympia, um mit den massiven Fördergeldern den Bau des Nahverkehrsnetzes der Stadt voranzutreiben. In nur sechs Jahren wurden Teile des heutigen U-Bahn-Netzes, die S-Bahn-Stammstrecke und einige Fußgängerzonen in der Innenstadt mit diesen Mitteln errichtet.

 

Der Lehrer im Kampf gegen die Hochhäuser

Der in Oberthann bei Pfaffenhofen aufgewachsene Georg Kronawitter diente zunächst als Arbeitsdienstleistender im letzten Kriegsjahr. 1949 begann er seine Karriere als Volksschullehrer, bevor er 1966 in die Politik wechselte.

Kronawitter erkannte zu Beginn seiner Amtszeit die Schattenseiten, die durch die Olympischen Spiele mit einhergingen. Die Olympiastadt explodierte und somit auch die Wohnpreise. Um dieses Problem zu lösen, entstanden unter Kronawitters Hand insgesamt über 120.000 neue Wohnungen. 

Damit legte er unter anderem den Grundstein für das, was 1994 die „Sozialgerechte Bodennutzung“ (SoBoN) werden sollte. Die SoBoN ist ein Abkommen, das private Investoren in die Verantwortung zieht, sich an den Kosten für den Ausbau der Stadt zu beteiligen. Dies soll verhindern, dass Einzelpersonen nur durch das alleinige Interesse der Stadt an Grundstücken reich werden.

Doch nicht nur die SoBoN ist ein Vermächtnis Kronawitters, sondern auch die Begrenzung der Hochhausbebauung auf 100 Meter, später durch den Bürgerentscheid von 2004 noch einmal betont. Diese Regel besagt, dass kein Gebäude höher als die Türme der Frauenkirche sein darf. Damit wollte er verhindern, dass das Stadtbild Münchens durch Hochhäuser signifikant verändert wird.

1978 verlor er für sechs Jahre sein Amt an den bisher einzigen CSU-Oberbürgermeister Erich Kiesl. Jedoch kehrte er 1984 wieder ins Rathaus zurück und war OB bis 1993. In dieser Zeit fing er auch an, Christian Ude systematisch auf das Amt als OB vorzubereiten.

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Im Gespräch mit Christian Ude im seiner Wohnung

Im Gespräch mit Christian Ude in seiner Wohnung in Schwabing

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Samuel Weber

Der längste OB Münchens

Christian Ude. Der ehemalige Journalist und Jurist zog 1993 in das Münchner Rathaus ein. Sein Übergang? Geplant. Sein Berufswunsch aus der Schule? Erfüllt. Sein Wahlsieg? „Ums Arschlecken knapp“, so Ude im persönlichen Interview mit uns bei ihm zu Hause.

Es ist der Abend des 12. September 1993. Im Lager der SPD zittern die Knie. Was zu einer komfortablen 52 Prozent Mehrheit werden sollte, schmolz langsam dahin. „52 und runter bis 50,8.

Das war das letzte Wort und dann ist es stehen geblieben“, erinnert sich der ehemalige OB Christian Ude. „Es war ums Arschlecken knapp, aber es hat gereicht“. Der Sieg gegen Peter Gauweiler aus der CSU war errungen, trotz riesigem Budgetunterschied von knapp 6 Millionen Euro.

Ude übernahm somit eine Stadt, die an ihrem eigenen Erfolg zu ersticken drohte. Hightech-Firmen, die in die Stadt kamen und natürlich ihr Hightech-Personal mitbrachten, das auch entsprechend bezahlt wurde. Das hatte zur Folge, dass die Preise auf dem Wohnungsmarkt noch mehr explodierten. Dazu kam eine Verkehrssituation, die für die 60er Jahre geplant war und nicht auf die Pendlerströme ausgelegt war, die Tag ein Tag aus in die Stadt kamen.

Verschiedene Projekte prägten die Zeit Udes maßgeblich. Zum einen das Wachstums-Paradoxon des Wohnungsbaus. „Der Wohnungsbau hat nicht nur die Funktion, Wohnungsbedürfnis zu befriedigen, sondern er hat halt auch die Funktion, Wohnungszuzug zu ermöglich, mit der Folge, dass auch immer mehr kommt“, so Ude. Deshalb blieb die Wohnungsknappheit ein Problem, das mit der Stadt weiter anwuchs.

 

Der Teufelsritt: Zwischen Wachstumswahn und Bürgerwille

Eine persönliche Zwickmühle für Christian Ude war das Thema der dritten Landebahn des Münchner Flughafens. Innerhalb seiner Amtszeit verdreifachten sich die Passagierzahlen beinahe, von etwa 12 auf nahezu 40 Millionen Passagieren jährlich. Die Stadt war dem Land verpflichtet bis zu vier Landebahnen zu realisieren. Was „noch mehr“ Wachstum zur Folge gehabt hätte und die bestehenden Probleme noch mehr verschärft hätte. „Ich kam von diesem Teufelsritt nicht mehr runter“, so erinnert sich Ude an die Situation.

Doch die Rettung kam durch einen frühmorgendlichen Anruf im Jahre 2012. Am Telefon waren die Grünen. Die Frage: Wäre ein Bürgerbegehren gegen die dritte Startbahn ein Koalitionsbruch? Für Ude damit der politische Befreiungsschlag aus diesem Dilemma. Dies markierte den Moment, an dem die Münchner zum ersten Mal sagten: Bis hierher und nicht weiter.

 

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Doch die Stimme der Münchner blieb für Ude eine große Konstante in seiner Zeit als OB. „Bürgerentscheide muss man richtig ernst nehmen. Da kann man nicht einfach das Gegenteil machen und sagen: Wir sind die Mehreren, ihr seid nur das Volk.“

Christian Ude war nicht immer der große Fan von Bürgerbegehren. In den 90ern stritt er leidenschaftlich gegen die Untertunnelung des Mittleren Rings, da er das Geld lieber in den ÖPNV investieren wollte. Doch als die Münchner 1996 mit einer knappen Mehrheit für die Tunnel stimmten, blockierte er nicht, sondern er baute.

„Manchmal muss man halt die Mehrheiten ertragen“, sagt er heute rückblickend. Dieser Moment markierte den Wendepunkt Udes zum Mann, der dafür steht, den Willen der Wähler umzusetzen. Ein Punkt, den er auch der heutigen Stadtspitze im Hinblick auf die 100-Meter-Baugrenze vorwirft. Er sieht einen gefährlichen Hochmut im Handeln von SPD, CSU und Grünen beim Aufweichen der 100-Meter-Grenze. Wenn man die Bürger nur zu Themen befragt, die gerade passen, wie bei der dritten Landebahn, verliert man aus seiner Sicht vor allem eines: Vertrauen.

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Christian Ude mit zwei seiner Wahlplakate der Vergangenheit

Im Hintergrund ist ein Wahlplakat "Ude bleibt OB - Rot für Ude". Ein Wahlplakat geschaffen vom Künstler Rupprecht Geiger für die OB Wahl 1999.

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Samuel Weber

Würden Sie mit dem Wissen von heute, 1993 wieder zur OB-Wahl antreten?
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Der Übergang von Christian Ude zu Dieter Reiter im Jahr 2014 wirkte zunächst wie eine perfekt inszenierte bayerische Erbfolge. Reiter, der ehemalige Referent für Arbeit und Wirtschaft, galt als Udes Wunschkandidat.

Ude beobachtet seinen Nachfolger heute mit einem differenzierten Blick. Während er Reiter zugesteht, die gewaltigen Herausforderungen der Flüchtlingskrise 2015 gut gemeistert zu haben, sieht er in der aktuellen Boden- und Baupolitik einen Verrat an alten Idealen.

Der schärfste Kontrast zeigt sich bei der SEM (Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme) im Münchner Norden. Wo Ude bereit war, bezahlbaren Wohnraum gegen die Interessen von Großgrundbesitzern durchzusetzen, wählte Reiter einen sanfteren Kurs, in dem er von der SoBoN keinen Gebrauch machte.

„Das ist mein erster richtiggehender Dissens, den ich mit ihm habe“, stellt Ude klar. „Dass er als Sozialdemokrat darauf verzichtet [auf die SEM], das begreife ich nicht.“

 

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Porträt von Dieter Reiter

Trotz lädierter Schulter benötigt Oberbürgermeister Dieter Reiter lediglich zwei Schläge, um das erste Bierfass der Wiesn 2025 anzustechen.

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Pressefotos Stadt München, Michael Nagy - Presseamt

Die Reiter-Ära

Die Amtszeit von Dieter Reiter wurde ziemlich zu Beginn mit einer der größten politischen Schwierigkeiten getestet, die es im letzten Jahrzehnt gab: die Flüchtlingskrise 2015. Diese Krise gepaart mit dem Dauerthema, dem Wohnungsmangel. Doch auch die Debatte um die 100-Meter-Grenze, stellten den ehemaligen Referenten für Arbeit und Wirtschaft auf die Probe.

Doch das München, in dem Reiter als Oberbürgermeister die Zügel in der Hand hält, ist nicht mehr die Stadt, die einst Thomas Wimmer mit seinen Freiwilligen von Schutt und Asche befreit hat. München ist zur Weltmetropole herangewachsen und hat unter seinen Oberbürgermeistern eine Entwicklung vollzogen, die ihresgleichen sucht. Am 22. März ging Dieter Reiter in die Stichwahl mit seinem Konkurrenten und Dominik Krause von den Grünen – und verlor klar. Krause tritt damit ein großes und anspruchsvolles Erbe an. An Vorbildern und Erfahrungswerten aus früheren Jahren dürfte es für diese Position nicht mangeln.

Ein Artikel von

Samuel Weber
Alexander Schlundt