Hand auf´s Holz
Ganz vertieft arbeitet Holzbildhauer Marco Bruckner in seiner Werkstatt.
Bernhard Gmeiner
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Die Tür zur alten Stallwerkstatt steht sperrangelweit offen, der Boden ist noch feucht vom Regen. Marco Bruckner blinzelt ins grelle Tageslicht, die Kleidung eingestaubt vom Vormittag an der Werkbank. Der 29-Jährige aus Pittenhart nahe Traunreut ist einer von wenigen jungen Holzbildhauern in Deutschland. „Man muss das wirklich wollen“, sagt er.
Tatsächlich entscheiden sich sehr wenige junge Menschen für diesen Weg: 2023 wurden bundesweit lediglich drei neue Ausbildungsverträge zum Holzbildhauer abgeschlossen. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks gibt es in Deutschland rund 200 aktive Betriebe mit weniger als 500 tätigen Personen. Eine kleine Gemeinschaft, in der man sich kennt.
Bruckner erzählt, dass von den 16 Leuten in seiner Ausbildungsklasse heute nur noch zwei als Holzbildhauer arbeiten. Er lässt sich davon aber nicht entmutigen. „Als Künstler muss man mit Absagen und anfänglicher Kritik umgehen können“, sagt Bruckner. In dem ehemaligen Stall entstehen heute Skulpturen für Ausstellungen und Auftragsarbeiten für Kirchen oder Gemeinden, aber auch Privatpersonen gehören zu seinen Kunden. Diesmal ist es eine Krippenfigur, mit der Bruckner sich beschäftigt. Unabhängig von der Jahreszeit sucht Bruckner den Kontakt zur Öffentlichkeit, um seine Kunst unter die Menschen zu bringen. Auf dem Christkindlmarkt in Traunstein kommt er mit vielen Leuten ins Gespräch: „Da geht schon was weiter, aber der Mund tut einem vom vielen Reden dann schon mal weh“, lacht er. Die öffentliche Präsenz sei wichtig, „aber für meine Figuren ziehe ich mich auch gern zurück“.
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Zwischen roh behauenen Blöcken und fein gearbeiteten Holzobjekten stapeln sich freie Arbeiten sowie Modelle für künftige Aufträge. Manche Figuren wirken wie frisch aus dem Stamm gelöst, andere tragen Brandspuren und feinere Schnitte. In diesem Ausstellungsraum stellt Bruckner seine Skulpturen auf Probe, bevor ein Werk an seinen endgültigen Ort kommt.
Sei es in der Kirche oder an öffentlichen Plätzen wie etwa in der Mitte eines Kreisverkehrs. Dort ist die sogenannte Fernwirkung besonders wichtig. Figuren, die hoch über den Köpfen der Menschen hängen oder mitten im Verkehr stehen, brauchen bewusst übertriebene Proportionen. „Früher hat man das alles berechnet“, sagt Bruckner. Heute verlässt er sich auf Modelle: „Am Kreisverkehr stell ich mein Eins-zu-eins-Modell auf, und dann schaut man, was man länger und was man kürzer macht.“ Deshalb würden Nasen, Köpfe oder Arme länger angelegt, damit sie auch im Vorbeifahren wieder „richtig“ aussehen. Für solche Arbeiten im öffentlichen Raum wird er meist von Gemeinden oder Kirchen beauftragt.
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Jede Skulptur beginnt mit der Auswahl des richtigen Materials. Schon als Kind hat Bruckner seinem Großvater draußen bei der Waldarbeit geholfen. Heute lagert das Holz aus dem eigenen Wald direkt hinter der Werkstatt. In seinem Lager stapeln sich lange Bohlen und mächtige Stammabschnitte. Bruckner geht die Reihen ab und wählt ein passendes Eichenstück für das aktuelle Projekt. Maserung, Faserverlauf, Trockenzeit, alles entscheidet über die spätere Figur.
„Das Holz hol ich aus dem eigenen Wald“, sagt er, „Beschaffung, das ist das leichteste Problem.“ Die Fähigkeit, verschiedene Arten zu erkennen, die Holzfeuchte zu beurteilen und das Trocknungsverhältnis eines Stammes zu verstehen, gehört zum Handwerkszeug, das Holzbildhauer schon in der dreijährigen Ausbildung erwerben. Laut Ausbildungsrahmenplan lernen Lehrlinge, den Zusammenhang zwischen Holz- und Luftfeuchtigkeit zu erklären und die natürliche Lagerung und Trocknung einzuschätzen. Vieles von Bruckners Material stammt aus dem eigenen Forst der Familie, was ihm ermöglicht, den Werdegang des Holzes von Anfang an zu verfolgen.
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Bevor der erste Span fällt, entsteht die Idee als Skizze direkt auf dem Holzblock. Mit Bleistift zieht Bruckner erste Linien auf dem groben Stück Holz. Erste Umrisse einer Figur werden sichtbar. Räumliches Denken ist gefragt, denn aus der flüchtigen Zeichnung soll ein dreidimensionales Werk entstehen. „Die Form muss im Holz schon drinstecken, sonst kämpfst du nur dagegen an“, sagt er.
Genau das verlangt der Beruf: entwerfen, übertragen, in Formen denken. Im Ausbildungszentrum gehören das Zeichnen und Modellieren zu den wichtigsten Lernfeldern. Angehende Holzbildhauer setzen sich zeichnerisch mit der Natur und ihren eigenen Ideen auseinander und entwickeln ein Gefühl für Proportionen. Oft entstehen bei Auftragsarbeiten im Vorfeld Modelle oder Zeichnungen, damit der Kunde eine Vorstellung bekommt. Bei freien künstlerischen Stücken entscheidet Bruckner jedoch häufig intuitiv. „Manchmal ergibt sich die Figur erst beim Arbeiten“, sagt er.
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Nun beginnt die eigentliche Arbeit des Bildhauers. Mit kräftigen Schlägen treiben Klüpfel und Stechbeitel, zwei klassische Holzwerkzeuge, die ersten Kerben ins Holz. Technik, Kraft und Rhythmus greifen dabei ineinander. Jeder Schlag muss sitzen. „Wenn du zu viel wegnimmst, bist du geliefert“, kommentiert Bruckner. In der Ausbildung üben Holzbildhauer monatelang das kontrollierte Arbeiten mit Handwerkzeugen: Schruppen, Auskehlen, feine Kerbschnitte.
Nur mit geduldiger Übung entwickelt sich das Gespür, um Holz sauber abzutragen und zugleich die geplante Form zu erhalten. Kein Wunder, dass der Beruf des Holzbildhauers vom Bundesinstitut für Berufsbildung als „selten und hochspezialisiert“ eingestuft wird. Die hohen Anforderungen an räumliches Vorstellungsvermögen, Materialkenntnis und handwerkliches Geschick spielen dabei eine große Rolle. „Viele geben nach der Lehre auf“, erzählt Bruckner. „Ein paar tausend Euro sind die Investition, dass du die Ausbildung überhaupt machen kannst“, sagt er. Es gibt kaum Stellen für Angstellte, weshalb sich viele Holzbildhauer direkt nach der Ausbildung selbstständig machen. Wer diesen Beruf ergreift, investiert nicht nur Zeit, sondern auch Geld und das Risiko der Selbstständigkeit.
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An der Werkstattwand hängt eine sorgfältig geordnete Reihe von Stech- und Hohleisen, alle messerscharf geschliffen. Jedes Werkzeug hat seine eigene Form und seinen Zweck. In der Ausbildung wird großer Wert auf Werkzeugkunde gelegt. Die Lehrlinge lernen, welche Eisenform für welche Aufgabe geeignet sind, wie man sie schärft und instand hält. „Mit stumpfem Werkzeug arbeitet man nicht“, betont Bruckner. Tatsächlich ist das Nachschärfen Teil des Arbeitsalltags. Zur Grundausstattung für die Ausbildung gehören Stech- und Hohleisen, Klüpfel und Motorsäge.
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Trotz der Liebe zu traditionellen Werkzeugen greift Bruckner für die Grobform oft zur Motorsäge. Die Kettensäge frisst sich durch das Holz und entfernt in Sekunden, wofür man mit dem Stechbeitel wohl Stunden bräuchte. „Ich will das rausholen, was mich beschäftigt“, sagt er über seine freie Arbeit. Doch ein falscher Schnitt, und die Proportionen ändern sich unwiederbringlich.
Mut zur Entscheidung und der Umgang mit Risiken gehören daher zum Beruf. Laut Ausbildungsordnung müssen Holzbildhauer nicht nur die klassische Handarbeit, sondern auch den Umgang mit Maschinen wie Motorsäge oder Drechselbank erlernen. In der Praxis zeigt sich fast immer ein Mix aus Maschine und Handarbeit.
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Im nächsten Schritt rückt Bruckner näher an die Figur heran. Die groben Formen sind angelegt, nun arbeitet er mit einem schmalen Eisen in die Vertiefung der Krippenfigur. Span um Span löst sich, die Oberfläche wird ruhiger, die Konturen erscheinen klarer. In dieser Phase entscheidet sich, welchen Ausdruck das Werk am Ende haben wird. Gefragt ist hier kaum noch Kraft. Jetzt kommt es auf Konzentration und ein geübtes Auge an.
Dass dieser Beruf als selten gilt, liegt nicht nur an den körperlichen Anforderungen, sondern auch an der langen Lernkurve: „Es kann Jahre dauern, bis man seinen Stil gefunden hat“, sagt Bruckner. Um seinen Stil auszuleben, braucht er „seine Ruhe am Vormittag“. Erst am späten Tag beschäftigt er sich mit organisatorischen Dingen wie Telefonaten und E-Mails.
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Im Nebenraum steht ein Modell aus gelben Hartschaumplatten, an dem Bruckner früher gearbeitet hat. Stück für Stück hat er die Teile damals zurechtgeschnitten, nummeriert und zu einer menschengroßen Figur zusammengesteckt. Heute erinnert das Modell an ein Projekt in seiner Heimatgemeinde. Die fertige Skulptur steht dort inzwischen im öffentlichen Raum.
Solche Eins-zu-eins-Modelle entstehen, bevor eine große Figur in Holz oder Metall umgesetzt wird. Das gilt besonders, wenn sie später im öffentlichen Raum stehen soll. „Ein Jahr vergeht schnell, bevor ich überhaupt anfangen darf“, erzählt Bruckner. Zeichnungen, Modelle, Maßstabsvarianten, Sitzungen mit Gemeinderäten: Es gibt viel, was vor der eigentlichen Arbeit passiert. Auch wenn der Berufsname anders vermuten lässt, arbeiten Holzbildhauer nicht nur mit Holz.
In der Ausbildung lernen sie, auch mit Metall zu gestalten, anderswo kommen Stein oder Beton dazu. Industriebetriebe produzieren mit computergesteuerten Fräsmaschinen parallel dazu Figuren in Serie. „Die Industrie macht mit diesen Maschinen schon viel kaputt“, sagt Bruckner, „aber glücklicherweise gibt es auch Kreise, die künstlerische Arbeit und die Botschaft des Künstlers unterstützen.“ Für ihn liegt genau dort der Unterschied: „Was das Leben schön macht, sind die Geschichten, und die kann eine Fräsmaschine nicht erzählen.“
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Abends steht der Holzbildhauer nicht mehr in seiner Werkstatt, sondern in einer Holzhütte auf dem Traunsteiner Christkindlmarkt. Hinter ihm stapeln sich gedrechselte Schalen und Teller. Vor ihm drängen sich die interessierten Besucher in dicken Winterjacken. „Wenn du Kunst machst, musst du sie auch zeigen“, sagt Bruckner. Etwa zwei Drittel seines Einkommens stammen aus Auftragsarbeiten und Ausstellungen, vor allem für Gemeinden, Kirchen und öffentliche Projekte. Das übrige Drittel verdient er auf Märkten wie diesem sowie mit Workshops für Menschen, die das Drechseln erlernen möchten.
Märkte wie dieser bringen nicht nur direkte Verkäufe, sondern machen ihn auch für größere Projekte sichtbar. Zum Beispiel für Kunst am Bau oder Kunst im Stadtraum. Bei vielen öffentlichen Bauvorhaben wird ein kleiner Teil der Baukosten gezielt für künstlerische Arbeiten reserviert. Was Neubauten einen eigenen Charme verleihen kann. „Diese Ausschreibungen sind ziemlich aufwendig“, sagt Bruckner und macht keinen Hehl daraus, dass er sie nicht unbedingt bevorzugt. Wichtig sei, dass man sich trotzdem zeigt und sich einen Namen erarbeitet: „Umso bekannter du wirst, desto teurer wirst du.“
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In der Mitte des Standes steht zwischen gedrechselten Schalen eine kleine Krippenszene aus Holz. Es ist die Figur, an der Bruckner gearbeitet hat. Was als grober Holzblock in der Werkstatt begonnen hat, liegt nun zwischen vielen anderen Arbeiten und wartet darauf, den Besitzer zu wechseln. Inmitten von Lichterketten und Tannengrün begegnet seine Kunst hier einem anderen Publikum als in Kirchen oder an öffentlichen Plätzen. All die Stücke am Stand lassen die Breite seines künstlerischen Schaffens erahnen.
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