Altes Gold in neuem Glanz
Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt: Vergolderin Katja Ling-Zeggio beim Polieren eines Ornaments.
Sara Schramm
Der Erhalt von altem Kunsthandwerk – das macht für Katja Ling-Zeggio den Wert ihres Berufs aus. Die 53-Jährige ist seit 15 Jahren als selbstständige Vergoldermeisterin in Hohenbrunn tätig und bietet verschiedene Vergoldungs- und Restaurierungsarbeiten an. Ihre Arbeit stellt für sie eine „unheimliche Befriedigung“ dar. Altes wieder zum Glänzen zu bringen. Das ist es, was sie tagtäglich antreibt. Dass sie einmal so viel Freude am Vergolderhandwerk haben würde, hätte Ling-Zeggio zu Beginn ihrer beruflichen Karriere aber nicht gedacht. „Das war bei mir tatsächlich gar nicht so Liebe auf den ersten Blick“, erklärt sie.
Sara Schramm
Als Ling-Zeggio mit 19 Jahren durch Irland gereist ist, um verschiedene Kunsthandwerke auszuprobieren, ist sie das erste Mal mit dem Vergolderhandwerk in Berührung gekommen. Sie empfand dieses damals als „furchtbar langweilig“. „Man muss sich sehr konzentrieren, es ist langatmig, es ist nichts, was schnell geht“, dachte sie sich damals. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland arbeitete sie zunächst mehrere Jahre bei einem Möbelrestaurator in Ulm und studierte nebenbei Kunstgeschichte.
Wie es der Zufall wollte, führte ihr Arbeitsweg an der Werkstatt einer Vergolderin vorbei. Die im Schaufenster ausgestellten Pinsel faszinierten sie so sehr, dass sie irgendwann einfach in den Laden ging. Dort traf sie auf die Vergolderin und erhielt das Angebot, ein Praktikum zu absolvieren. Und weil ihr dieses gut gefiel, brach sie ihr Studium ab und begann die Ausbildung zur Vergolderin.
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Nachdem Ling-Zeggio ihre dreijährige Berufsausbildung abgeschlossen und 2004 den Meistertitel erlangt hatte, arbeitete sie einige Jahre freiberuflich. Im Jahr 2010 hat sie sich selbstständig gemacht. Seitdem führt sie in ihrer Werkstatt Vergoldungs- und Restaurierungsarbeiten durch. Obwohl die Restaurierungsarbeiten nicht zum eigentlichen Vergolderberuf gehören, bietet Ling-Zeggio sie an. Zum einen, weil sie Freude daran hat, „alte Sachen wieder zum Glänzen zu bringen“. Zum anderen, weil sie durch das breitere Leistungsportfolio ihre Existenz sichern kann.
Sara Schramm
„Der Zeitaufwand ist das Teuerste am Vergolden“, erklärt Ling-Zeggio. Je nach angeeigneter Technik und entwickelten Rezepturen kann das Vergolden über 15 Arbeitsschritte umfassen. Nicht das Material ist für den Preis ausschlaggebend, sondern die investierte Zeit. Das verwendete Blattgold stellt für Ling-Zeggio keinen bedeutenden Kostenfaktor dar: „Das sieht aus, als wäre es massiv, aber im Endeffekt ist das ein Hauch voll Nichts.“ Blattgold entsteht, wenn Gold ganz dünn geschlagen wird. Am Ende ist es etwa 600 bis 800 Mal dünner als ein normales europäisches Haar und wiegt weniger als ein Gramm: „Wenn ich jetzt ein Mal tief atme, fliegt das Gold hoch an die Decke und ist quasi weg“, erklärt Ling-Zeggio.
Sara Schramm
Die von Ling-Zeggio angewandte Technik ist die sogenannte Polimentvergoldung. Diese hat sich seit ihrer ersten Anwendung im alten Ägypten nicht verändert. Noch immer werden nur natürliche Materialien wie Leime aus Tierhäuten, Kreiden, Harze und Tonerden verwendet, um den Untergrund für die feine Goldauflage vorzubereiten. Der Untergrund ist entscheidend für die spätere Haftung und den Farbton des Goldes.
Auf das rot eingefärbte Ornament hat Ling-Zeggio bereits sechs Schichten Kreidegrund aufgetragen, sie hat es nass und trocken geschliffen und das Poliment, eine mit Leim angemischte Tonerde, aufgetragen. Das Blattgold ist so dünn, dass der Betrachter ohne die Polimentschicht auf das nackte Objekt blicken würde. Die rote Tonerde sorgt dafür, dass das Gold wärmer erscheint. Wäre diese schwarz, würde es kühler erscheinen. Das Gelb in den Tiefen wird stehengelassen, um kleine Risse zu retuschieren.
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Ling-Zeggio wurde von einem Privatkunden mit der Restaurierung und Vergoldung der abgebildeten, aus Lindenholz geschnitzten Ornamente beauftragt. Es handelt sich bei diesen vermutlich um die Teile eines alten Möbelstücks, das es so aber nicht mehr gibt. Der Kunde möchte sich die Ornamente, die schon ewig im Familienbesitz sind, als Dekor an die Wand hängen, sobald diese von Ling-Zeggio hergerichtet wurden.
In einem nächsten Schritt trägt Ling-Zeggio das Blattgold auf. Dazu bestreicht sie das Ornament zunächst mit einer Netze, einem Wasser-Alkohol-Gemisch. Das im Poliment vorhandene Bindemittel wird durch diese reaktiviert und das Gold kann anhaften. Mit einem Pinsel legt sie es nach und nach auf das Objekt. Das sogenannte Anschießen muss schnell gehen, damit das Gold haften bleibt. „Die letzte Bewegung muss ich schnell machen, sonst funktioniert´s nicht“, erklärt Ling-Zeggio. Das angeschossene Objekt muss etwa eine halbe Stunde bis Stunde trocknen, bevor der Vergoldungsprozess fortgesetzt werden kann.
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Bei schönem Wetter nutzt Ling-Zeggio ihre Pausen für einen Spaziergang. Im nahegelegenen Wald kommt sie gut zur Ruhe. Weniger ruhig ist es, wenn Heidi, Ling-Zeggios Hündin, mit zur Arbeit kommt. Dann wird aus der Pause ein flotter Spaziergang und eine kleine Sporteinheit. An regnerischen oder kalten Tagen ruht sich Ling-Zeggio in ihrem „Lieblingssessel“ aus, hört Musik und lässt vergangene Aufträge Revue passieren. Dabei ist sie immer wieder erstaunt darüber, wie viele Aufträge sie in der Vergangenheit schon bearbeitet hat: „Ich arbeite so viel, ich vergesse das immer alles.“
Sara Schramm
Die meisten Aufträge erhält Ling-Zeggio von Privatpersonen, die geerbte oder gekaufte Kunstgegenstände wie Gemälde, Rahmen und Ornamente restaurieren und vergolden lassen möchten. Ab und zu erhält sie aber auch skurrile Aufträge. So hat sie in der Vergangenheit bereits eine Spielekonsole, eine Fliegenklatsche und Kinderschuhe vergoldet. Für sie persönlich seien dies nur „Staubfänger“, aber ihre Kunden würden sich riesig darüber freuen. Zudem stellt die Vergoldung ungewöhnlicher Objekte eine zusätzliche Einnahmequelle für Ling-Zeggio dar, bei der kaum Konkurrenz vorhanden sei.
Institutionelle Aufträge stellen die Ausnahme dar. Dies liegt zum einen an der Konkurrenz im Raum München und zum anderen am Umfang der Aufträge. Gegen große, alteingesessene Vergolderbetriebe habe eine Einzelperson keine Chance und käme zum Teil auch nicht in Frage. „Als Einzelperson bräuchte ich für viele Dinge einfach zu lange, oder es ist auch manchmal einfach nicht möglich“, erklärt Ling-Zeggio.
Für Ling-Zeggio ist auch die „Grundeinstellung“ der Kunstbesitzer beziehungsweise Kunstmuseen zur Restaurierung dafür mitverantwortlich, dass institutionelle Aufträge eine Seltenheit darstellen. So wurde ihrer Meinung nach in der Vergangenheit nicht so viel Wert darauf gelegt, beschädigte Kunstgegenstände wieder herzurichten: „Das war für die letzten Jahrzehnte Standard für Restaurierung, Konservierung, dass man die Dinge nicht wieder ergänzt und in den Urzustand gebracht hat, sondern dass alles, was fehlt, offensichtlich fehlt oder nur sporadisch ergänzt wird, aber eben nicht so, dass es nicht auffällt“, erklärt Ling-Zeggio.
In diesem Zusammenhang spielt auch die Finanzierung eine Rolle. Der Erhalt und die Restaurierung von Kunstgegenständen sind sehr kostspielig, weshalb nicht jeder Schaden behoben werden kann. Es sei zum Teil eine „Budget-Frage", die darüber entscheide, ob eine Vergoldung in Auftrag gegeben wird oder nicht. In vielen Museen seien zudem Restauratoren angestellt, die einen Teil der Vergoldungsarbeiten übernehmen könnten.
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Manchmal nutzt Ling-Zeggio Wartezeiten auch, um sich anderen Aufgaben, wie dem Schreiben von Rechnungen, zu widmen. Zur Selbstständigkeit gehört, dass neben der handwerklichen Arbeit auch Bürokratie anfällt, die erledigt werden muss. So arbeitet Ling-Zeggio mit allem Drum und Dran rund 50 Stunden in der Woche, zum Teil auch bis tief in die Nacht.
Sie hat sich bewusst gegen eine Anstellung und für die Selbstständigkeit entschieden. Eine fair bezahlte Festanstellung in Vollzeit zu finden, sei als Vergolderin mit Meistertitel schwierig. Vor allem aber schätzt sie die Freiheiten: „Ich habe einfach als Selbstständige auch die Freiheit, mir Zeiten rauszunehmen, und wenn mein Kind krank ist, dann bleibe ich daheim.“
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Anfragen für Ausbildungen lehnt sie regelmäßig ab. Als Grund hierfür nennt sie die schwankende Auftragslage und ihren breit gefächerten Tätigkeitsbereich: „Ich mache eben nicht nur Vergoldung, sondern ganz viele Dinge, die nicht zum Vergolden gehören. Das mache ich, um zu überleben, um Aufträge zu kriegen, um Geld zu verdienen.“ Denn die reine Rahmenvergoldung, die einen zentralen Teil des traditionellen Vergolderhandwerks ausmacht, wäre im Raum München allein nicht existenzsichernd: „Also als Rahmenvergolder wäre ich in München gestorben.“
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Den Wert ihres Berufs macht für Ling-Zeggio der Erhalt von altem Kunsthandwerk aus: „Es ist für mich sehr befriedigend, wenn ich weiß, dass ein Objekt, das jetzt schon 200 Jahre alt ist und das kunsthandwerklich einfach eine tolle Arbeit ist, dass ich das erhalten und wieder in den Originalzustand versetzen und einfach für die nächsten 200 Jahre wieder schön machen kann.“ Nicht das Materielle, sondern das Ideelle ist ausschlaggebend: „Ich arbeite natürlich schon und verdiene auch etwas, aber ich werde nicht reich dabei, ganz sicher nicht.“
Sara Schramm
Das Vergolderhandwerk verliert seit Jahren an Substanz. Während es 1995 noch 165 Handwerksunternehmen mit 740 Beschäftigten gab, waren es im Jahr 2023 nur noch 113 Unternehmen mit 315 Beschäftigten. Ebenso rückläufig ist die Zahl der Lehrlinge. Im Jahr 1998 ließen sich noch 73 Personen zum Vergolder ausbilden, 2024 waren es nur noch 15. Der niedrige Verdienst könnte ein Grund für den Rückgang der Ausbildungs- und Beschäftigungszahlen sein.
Auch könnten die Anforderungen, die der Vergolderberuf mit sich bringt, eine abschreckende Wirkung haben. Um diesen ausüben zu können, braucht es viel Fingerspitzengefühl, Geduld und Durchhaltevermögen. „Es ist sehr speziell, und es ist auch nicht immer so idyllisch, wie es vielleicht nach außen ausschaut“, erklärt Ling-Zeggio. Sie empfiehlt Interessierten deshalb, vor der Ausbildung ein Praktikum bei einem Vergolder zu absolvieren, um in den Beruf reinzuschnuppern und zu schauen, ob er einem wirklich liegt.
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Wenn die Wartezeit um ist, kann Ling-Zeggio mit einem der letzten Schritte beginnen. Sie poliert das angeschossene Ornament mit dem Achat, einem Stein, wodurch ihm der typische Goldglanz verliehen wird. „Es schaut unordentlich aus, wenn es frisch angeschossen ist und wenn man dann poliert, dann wird alles glattgebügelt und dann wird alles sauber“, erklärt sie.
In einem nächsten Schritt kann das vergoldete Ornament, abhängig vom Kundenwunsch, weiter verziert und bearbeitet werden. Alle hier angewandten Techniken werden, wie auch die Polimentvergoldung, ausgeführt, wie sie in der Entstehungszeit der Objekte üblich waren. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben, wodurch die Vergolder dazu beitragen, die traditionellen Techniken sowie das historische Kulturgut zu erhalten.
Sara Schramm
Im Jahr 2016 wurde die Berufsgruppe der Vergolder unter dem Titel „Mal-, Fass-, und Vergoldetechniken der Kirchenmalerei und des Vergoldens“ in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Dieses stellt eine Bestandsaufnahme der heute in Deutschland praktizierten überlieferten kulturellen Ausdrucksformen dar.
Wie sich das Vergolderhandwerk trotz dieser Auszeichnung entwickeln wird, ist schwer absehbar. Nach Einschätzung von Ling-Zeggio „wird es schon weitergehen“, da es keine Maschine gäbe, die dieses uralte Handwerk ausführen könnte. „Ohne die Vergolder wäre keiner da, der sich um die alten Schätze kümmern könnte, und damit würde wirklich ein großes Stück der Kultur einfach verschwinden.“
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