Millimeterarbeit für die Ewigkeit
An diesem unscheinbaren Ort beginnt die komplexe Entstehung der Orgel.
Carl de Barros Said
Die Orgel thront in der Höhe: Ihr Klang ist die Seele der Kirche.
Carl de Barros Said
Wie ein Schwalbennest hoch über den Köpfen der Kirchgänger im Bonner Münster befindet sich die sogenannte „Königin der Instrumente“: die Orgel. Im Grunde ist sie eine gewaltige Windmaschine: Durch das Drücken von Tasten und Pedalen wird ein kontrollierter Luftstrom in tausende von Pfeifen geleitet. Je nach Größe und Material der Pfeife entstehen so Klänge, die von einem tiefen, körperlich spürbaren Grollen bis hin zu hohen Flötentönen reichen. Die Geschichte dieser Orgel im Bonner Münster geht bis ins Jahr 1230 zurück. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie immer wieder umgebaut. Seit 1961 hat sie ihren heutigen Klang. Sie wurde von der Firma "Orgelbau Klais" gebaut. Eine Orgel ist nicht nur ein Musikinstrument, sondern auch ein architektonisches Kunstwerk.
Jede Orgel ist ein Unikat, das auf seinen speziellen Standort zugeschnitten wird – das wird jedem sofort deutlich, der ein bisschen über die Geschichte dieses Instruments recherchiert. Das verlangt nach vielseitiger Handwerkskunst. Die Pflege solcher Instrumente ist eine Lebensaufgabe, die Präzision und historisches Wissen erfordert. So viel sei zu Beginn dieser Reportage schon einmal verraten. Mit der richtigen Pflege und Wartung können diese Instrumente Jahrhunderte überdauern. Orgelbauer müssen daher nicht nur über musikalische Sensibilität verfügen, sondern auch ein tiefes Verständnis für die Akustik und Statik des jeweiligen Kirchenraums mitbringen.
Für Jakob Wieser ist die Orgel mehr als nur ein Instrument.
Carl de Barros Said
Für Jakob Wieser war der Weg fast schon vorgezeichnet: Schon als Kind hat ihn das Instrument fasziniert, eine Begeisterung, die durch den Klavierunterricht weitergewachsen ist. Heute vereint er diese Liebe zur Musik mit dem seltenen Handwerk des Orgelbauers. Die Ausbildung haben er und fast alle seine Kollegen an der Oscar-Walcker-Schule in Ludwigsburg absolviert. „Das führt zu einer starken Vernetzung in der gesamten Branche, die fast schon familiär ist“, betont Jakob. Denn dies ist die einzige Berufsschule in Deutschland, an der eine Ausbildung zum Orgelbauer möglich ist. Während seiner Ausbildungszeit im Jahr 2017 wurde der Orgelbau als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt. „Diese Anerkennung ist eine besondere Ehre, weil sie das Handwerk und unsere alten, wertvollen Instrumente aktiv vor dem Vergessen und Verfall schützt“, erzählt Jakob. Die persönliche Verbindung zur Geschichte und zum Erhalt der Instrumente macht für ihn den Beruf zu einer wahren Berufung.
Auch Annik ist gelernte Orgelbauerin. Da ihr Beruf sehr selten ist, zieht die Werkstatt regelmäßig Vertreter der Presse an, doch Annik lässt sich davon nicht ablenken. Sie kennt die neugierigen Blicke über ihre Schulter bereits und arbeitet konzentriert weiter. „Jede Schraube entscheidet über die spätere Langlebigkeit und das Spielgefühl des Instruments“, sagt Annik während sie das sogenannte Fundamentbrett verschraubt. Das ist ein tragendes Holzteil, das als Basis für die gesamte Steuerung der Windlade dient. Die Mischung aus „routinierter Handarbeit und technischem Know-how” ist für sie der besondere Reiz ihres Berufs.
Bei einer Führung durch das Unternehmen gibt Jakob Einblicke in die Zahlen der Werkstatt. Bei Klais Orgelbau in Bonn sind derzeit etwa 60 Orgelbauer beschäftigt. Aufgrund der ungewöhnlichen Größe des Betriebs können, wie Jakob beim Gang durch die Montagehallen erklärt, immer wieder Projekte verwirklicht werden, die weltweit kaum eine andere Werkstatt bewältigen könnte. Ein aktuelles Beispiel dafür präsentiert er mit besonderem Stolz: Momentan entsteht in Bonn die größte Orgel Europas. Schon bald soll sie im Passauer Dom ihr neues Zuhause finden.
Die Zuschnitte müssen perfekt passen, hierbei entscheiden Millimeter.
Carl de Barros Said
„Den größten Teil der Werkstattfläche nimmt die Holzverarbeitung ein“, erklärt Jakob und öffnet die schwere Tür zur Schreinerei. Hier entstehen die massiven und zugleich filigranen Bauteile der Orgel. Betritt man die Werkstatt, so steigt einem sofort der Geruch von frisch geschnittenem Holz in die Nase. Die Maschinen stehen praktisch nie still, und die Luft ist erfüllt von feinen Sägespänen, die von der ununterbrochenen Arbeit zeugen.
Jakob zeigt auf die verschiedenen Werkstücke, die hier lagern: Für die inneren Steuerungsmechanismen der Orgel benötigen wir speziell bearbeitete Holzelemente. Er erklärt uns die technischen Details: „Dazu zählen vor allem die Windlade und die Traktur. Letztere verbindet die Taste mechanisch mit dem Pfeifenventil.“
Dafür verwendet Orgelbau Klais fast ausschließlich Eichenholz. Wie Jakob betont, ist die Materialwahl keine Geschmacksfrage, sondern reine Physik: Eiche behält aufgrund ihrer geringen Feuchtigkeitsaufnahme die Form und verzieht sich kaum. Das ist lebensnotwendig für das Instrument, denn, wie Jakob betont, „jeder Millimeter entscheidet“.
Er macht deutlich, welche Präzision dahintersteckt: Das Holz darf sich bei Schwankungen von Temperatur oder Luftfeuchtigkeit kaum bewegen. Jede Fuge muss absolut luftdicht sein, damit die Orgel den erzeugten „Wind“ hält. Nur so kann die Mechanik zwischen Taste und Pfeifenventil über Jahrzehnte, oft sogar Jahrhunderte hinweg, zuverlässig funktionieren. Dass diese tiefe Materialkunde ein entscheidender Aspekt der Ausbildung zum Orgelbauer ist, wird bei Jakobs Ausführungen schnell klar, ohne dieses Wissen wäre der Bau eines solchen Instruments unmöglich.
Die Pfeifen werden auf den gewünschten Ton zugeschnitten.
Carl de Barros Said
In einem anderen Bereich der Werkstatt riecht es unverwechselbar nach Lötzinn und den Metalllegierungen der Pfeifen. Der Guss des Zinn-Blei-Gemischs findet im Keller der Firma statt. Ein Stockwerk darüber beginnt dann die präzise Arbeit des Formens und Zuschneidens. Hier werden die rohen Metallplatten verarbeitet und zu den langen, konischen Pfeifenkörpern gerollt und gelötet.
„Dies ist der erste Arbeitsschritt, bei dem sich die chemische Zusammensetzung des Metalls in die physische Form des späteren Klangkörpers überträgt“, erklärt Jakob. Die genaue Zusammensetzung des Metalls beeinflusse den späteren Klangcharakter direkt. Jede Pfeife, führt Jakob aus, ist eine Einzelanfertigung nach exaktem Maß, die darauf abzielt, einen bestimmten Ton zu treffen. Tonhöhe und Klangfarbe würden durch Wanddicke, Durchmesser und Form des Pfeifenkörpers bestimmt.
Jakob betont, dass es entscheidend ist, sich zunächst den gewünschten Klang vorzustellen, bevor die Pfeife überhaupt geformt wird. „Das Handwerk folgt der musikalischen Idee.“ Dies erfordere Präzision in der Metallverarbeitung. „Erst nach diesen Arbeitsschritten wird dem Instrument durch die spätere Intonation die finale, auf den Raum abgestimmte „Stimme“ gegeben.“
Das Modell wird präzise an die Gegebenheiten des Kirchenraums angepasst.
Carl de Barros Said
Orgelbauer wie Jakob und Annik lernen in ihrer Ausbildung, technische Zeichnungen von Hand zu erstellen. Jakob erinnert sich lachend: „Das war der Teil in der Schule, der mir am wenigsten Spaß gemacht hat.“ Heute muss jedoch jedes Unternehmen mit 3D-Zeichnungen arbeiten, da die Präzisionsanforderungen gestiegen sind. Mithilfe von digitalen Modellen können die komplexen Teile von Gehäusen und Windladen exakt berechnet werden. Dies ist notwendig, da jeder Teil perfekt in den vorgesehenen Kirchenraum passen muss. Die Ausbildung muss daher auch das Verständnis für CAD-Programme (Computer-Aided Design) vermitteln, die die manuellen Arbeitsschritte vorbereiten.
Der Beruf des Orgelbauers erfordert heute weit mehr als nur den Umgang mit Hobel und Pfeifenmetall. Jakob führt uns in einen Bereich der Werkstatt, der eher an ein Elektroniklabor erinnert. „Moderne Orgelbauer müssen sich heute auch mit Platinen, Kabelbäumen und Steuerungseinheiten auseinandersetzen“, erklärt er. Bei historischen Instrumenten wäre das noch undenkbar gewesen.
Zwar besitzen die meisten Orgeln nach wie vor mechanische Trakturen, also eine rein mechanische Verbindung zwischen Taste und Pfeife, doch bei modernen Neubauten ist die Elektronik kaum noch wegzudenken. Sie ist besonders wichtig für die Registersteuerung, also jene Vorrichtungen, die das An- und Abschalten der verschiedenen Pfeifenreihen regeln. Auch bei sogenannten Setzer-Anlagen, die es Organisten ermöglichen, hunderte Klangkombinationen vorab zu speichern und per Knopfdruck abzurufen, ist Hightech gefragt.
„Damit das Instrument über Jahrzehnte zuverlässig funktioniert, ist eine feingliedrige Verkabelung nötig“, so Jakob. Er ergänzt: „Dadurch können viele unserer Orgeln heutzutage sogar aus einem anderen Raum ferngesteuert werden.“ Für den Nachwuchs in der Branche bedeutet das eine Ausweitung des Anforderungsprofils. Wie Jakob betont, muss ein Orgelbauer heute auch ein versierter Elektrofachmann sein, der sowohl pneumatische als auch elektrische Systeme warten und installieren kann. Die Beherrschung dieser modernen Technologie ist für ihn und sein Team bei Klais entscheidend, um die Wartung der immer komplexer werdenden Instrumente weltweit zu gewährleisten.
Die Fenster der Pfeiffer-Werkstatt zeigen die Gesichter, welche sich hinter der Geschichte des Betriebs verbergen.
Carl de Barros Said
Von dem unscheinbaren Gebäude in der Bonner Altstadt aus gehen Orgelprojekte in die ganze Welt. Zu den Kunden zählen meist Konzerthäuser und Kirchen. Jakob erklärt, dass es schwer zu messen sei, welche Kundengruppe häufiger sei, da sich die Auftragslage ständig ändert. Die gefertigten Instrumente sind stets Einzelstücke und oft sehr anspruchsvoll. Jakob erzählt von besonderen Orgeln, die in diesen Hallen gebaut wurden. Dazu zählt auch die Orgel für die Elbphilharmonie in Hamburg, sein persönliches Lieblingsprojekt. Er erzählt von speziellen Instrumenten, die hier gebaut wurden, darunter eine Orgel auf Schienen für einen Konzertsaal. Um solche Maßanfertigungen herstellen zu können, benötigen die Werkstätten hohe Decken und große Flächen, damit die teils meterlangen Orgelpfeifen stehend bearbeitet werden können.
Die Orgelpfeifen stehen in Reih und Glied geordnet, damit es nicht zu Verwechslungen kommt.
Carl de Barros Said
Die Organisation der Tausende Einzelbauteile ist eine der größten logistischen Herausforderungen im Orgelbau. Jakob erklärt, dass jedes Teil so gelagert werden muss, dass es sich beim späteren Zusammenbau schnell zuordnen lässt. Neben Holz und Metall kommt dabei ein weiteres wichtiges Material zum Einsatz: Leder.
In der Werkstatt von Klais wird es von Hand zugeschnitten und verklebt, um Ventile und Dichtungen für die Windladen und Bälge herzustellen. Laut Jakob ist dieses organische Material essenziell, da nur Leder die notwendige Flexibilität bietet, um die absolute Luftdichtheit der Orgel zu garantieren.
Diese Anforderungen spiegeln sich direkt in der dreieinhalbjährigen Ausbildung wider. Sie umfasst die Beherrschung unterschiedlicher Fachbereiche: die Holz- und Metallverarbeitung, die Elektrotechnik und das Lederhandwerk. „Diese Bandbreite an Techniken ist notwendig, da am Ende alle Komponenten eines Instruments perfekt zusammenwirken müssen“, betont Jakob
In der Werkstatt von Orgelbau Klais entsteht der Eindruck, es gäbe keinen Nachwuchsmangel, denn hier arbeiten auffallend viele junge Menschen. Jakob stellt jedoch klar, dass dieser Betrieb eine Ausnahme darstellt. Während bei Orgelbau Klais die Handwerkskunst erfolgreich an die nächste Generation weitergegeben wird, belegt die bundesweite Statistik einen deutlichen Fachkräftemangel.
So sank die Zahl der Beschäftigten in diesem Handwerk von 689 Personen im Jahr 2016 auf 601 Personen im Jahr 2025, ein Rückgang von fast 13 Prozent. Mit dem Renteneintritt erfahrener Meister geht der Branche derzeit wertvolles Fachwissen verloren. Laut Jakob ist die Sicherung des Nachwuchses entscheidend, um die anspruchsvollen Restaurierungen auch künftig auf handwerklichem Höchstniveau durchführen zu können.
Die Auftragslage spricht dabei für den Beruf: Aufgrund der Langlebigkeit der Instrumente wird der Bestand an zu wartenden Orgeln in den kommenden Jahrzehnten eher steigen als sinken. An Arbeit wird es den verbleibenden Spezialisten in Zukunft also definitiv nicht mangeln.
Letztendlich ist es vor allem die Beständigkeit, die den Wert dieser Arbeit ausmacht. Während viele Dinge heutzutage schnelllebig sind und oft ersetzt werden, fertigen Orgelbauer Instrumente für die nächsten Jahrhunderte. In der Werkstatt sorgt jeder Handgriff dafür, dass ein Instrument entsteht, das Generationen überdauert. Es ist ein Handwerk, das bleibt, und das Wissen, etwas von echtem Bestand geschaffen zu haben, ist wohl der schönste Lohn für die tägliche Präzision.
Schon die kleinste Verformung kann den Klang zerstören.
Carl de Barros Said
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