Die Demokratie und ihre leisen Zuhörer
Die Münchner Tafel e.V. versorgt wöchentlich rund 22.000 Tafelgäste in München. Die Meisten sind wahlberechtigt.
Patrick Kronjäger
Ein Vormittag bei der Münchner Tafel
Es ist ein kühler Vormittag in München, als sich vor der Ausgabestelle der Münchner Tafel e.V. bereits eine Schlange gebildet hat. Menschen stehen mit Taschen und Rucksäcken am Alten Nordfriedhof in der Maxvorstadt und warten darauf, Lebensmittel abzuholen. Ehrenamtliche tragen Kisten aus einem Lieferwagen und bereiten die Ausgabe vor. Einige Besucher unterhalten sich leise miteinander, andere stehen schweigend da. Einer der ehrenamtlichen Helfer sticht besonders hervor: Mike Wood. Er ist hier der Stationsleiter. Er sucht mit jedem das Gespräch und hat sich für heute eine besondere Aktion ausgedacht. Jede Frau darf zum Start der Faschingszeit ein Stück von seiner Krawatte abschneiden. Damit erzeugt er ein Lächeln auf den Gesichtern der Frauen.
Im Jahr kommen für die Arbeiter der Münchner Tafel e.V. Rund 150.000 Ehrenamtsstunden zusammen. Dies verteilt sich auf rund 1.000 Mitarbeiter an 30 verschiedenen Ausgabestellen.
Patrick Kronjäger
Wenn soziale Realität auf Politik trifft
Die Situation vor Ort zeigt, dass soziale Ungleichheit auch in einer wohlhabenden Stadt wie München präsent ist. Für manche Menschen bestimmen finanzielle Sorgen, steigende Lebenshaltungskosten oder unsichere Arbeitsverhältnisse den Alltag. Auch diese Menschen haben ein Wahlrecht, doch sie sind eine Minderheit. Einzelne Minderheiten beeinflussen das Wahlergebnis nicht maßgeblich. Doch brauchen gerade diese Menschen politische Aufmerksamkeit, um diese Probleme bekämpfen zu können. Eine der Menschen, die dies brauchen, ist Geterin. Sie gehört zu den Frauen, die die Münchner Tafel e.V. besucht. Sie hat ihren Glauben an die Politik und ihr Vertrauen in den Rechtsstaat verloren und fühlt sich vom System im Stich gelassen. Wählen geht sie trotzdem, aber nicht aus Hoffnung, dass sie erhört wird, sondern um dem für sie spürbaren Rechtsruck die Stirn zu bieten. Sie hätte nie gedacht, dass „die Korruption in Deutschland immer größer wird und das gerade Randgruppen das zu spüren bekommen.“ Hoffnung auf Änderung für die Oberbürgermeisterwahl 2026 in München hatte sie keine.
Gerade bei Menschen in schwierigen sozialen Situationen entsteht schnell der Eindruck, dass ihre Stimmen wenig Einfluss haben oder dass sie sich im Stich gelassen fühlen. Wenn politische Entscheidungen als weit entfernt vom eigenen Alltag wahrgenommen werden, kann Frustration entstehen. Mike Wood sagt trotzdem, dass es den Menschen verhältnismäßig gut geht: „Man muss mal in andere Länder reisen, um zu verstehen, wie es 90 Prozent der ganzen Welt geht.“ Er selbst kommt aus Kalifornien. Wählen darf er nur für den Migrationsbeirat in München. An anderen Wahlen teilnehmen möchte und darf er nicht.
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Das Phänomen des Nichtwählens gehen ist gerade bei Kommunalwahlen weit verbreitet. Obwohl die Zahl der Wahlberechtigten im Laufe der Jahre gestiegen ist, bleibt die Zahl der tatsächlichen Wähler deutlich dahinter zurück. Seit Jahrzehnten liegt diese bei rund der Hälfte der Wahlberechtigten.
Leben in München ohne Mitsprache
Während einige Menschen aus Frustration über politische Entscheidungen nicht zur Wahl gehen, gibt es auch Menschen, die sich aus anderen Gründen kaum mit der lokalen Politik beschäftigen.
Lunan ist 23 Jahre alt und studiert Elektrotechnik an der Technischen Universität München. Geboren und aufgewachsen ist sie in China. Seit drei Jahren lebt sie in München. Ursprünglich wollte sie in Amerika studieren, doch die politische Lage ließ dies nicht zu. Trotzdem spielt Politik in ihrem Leben eine geringe Rolle.
„Ich fühl mich nicht an der Politik teilgenommen“, sagt sie im Interview mit uns. Wählen darf sie nicht. Das Gefühl, von der lokalen Politik vertreten zu werden, hat sie nicht. Für sie als internationale Studentin bleibt Politik in Deutschland ein Bereich, an dem sie nur indirekt teilhaben darf. Eine weitere Randgruppe der Gesellschaft mit vermeintlich anderen Themen als die Besucher der Tafel – doch auch hier stehen Lebenshaltungskosten im Vordergrund. Lunan ist mit den Mietpreisen nicht zufrieden, sie glaubt, dass die Politik da nichts dran ändern kann. Entscheidungen über Wohnraum, Verkehr und Bildung betreffen alle Studierenden, politisch etwas verändern können sie jedoch nicht.
Wenn Politik im Alltag nichts bringt
Doch auch Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind, fühlen sich nicht automatisch stärker angesprochen. Ein Beispiel ist Hristijan. Er ist 24 und lebt seit seiner Kindheit in Deutschland. Seine Leidenschaft ist der Sport. Er hat einen mazedonischen Migrationshintergrund. Einer von 28,1 Prozent Deutschen mit Migrationshintergrund in München. Politik erscheint ihm häufig weit entfernt vom eigenen Alltag. Diskussionen über politische Entscheidungen oder Wahlprogramme spielen in seinem Umfeld nur selten eine Rolle.
Im direkten Vergleich lässt sich dies auch in München beobachten. Während Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt den geringsten Anteil an Deutschen mit Migrationshintergrund hat, lag die Wahlbeteiligung bei der Oberbürgermeisterwahl 2026 bei rund 57,2 Prozent. Milbertshofen-Am Hart hingegen hat mit 41,7 Prozent den höchsten Migrationsanteil – die Wahlbeteiligung lag jedoch nur bei 38,5 Prozent.
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Auch Hristijan geht nicht wählen. Auf die Frage, ob er sich für Politik interessiere, antwortet er, dass es sich für ihn nicht so anfühle, als würde ihn Politik direkt betreffen. Auch eine Veränderung mit der Oberbürgermeisterwahl 2026 sieht er nicht auf sich zukommen. Veränderungen habe er in seinen 14 Jahren in München nicht mitbekommen und wenn, dann nur im Negativen. Dass seine Stimme etwas bewirken könnte, sieht er nicht. Auch bei ihm ist die politische Frustration deutlich spürbar.
Hürden der politischen Repräsentation
Die unterschiedlichen Erfahrungen werfen eine grundlegende Frage auf: Warum fühlen sich Randgruppen der Gesellschaft politisch weniger angesprochen?
Woran das liegen könnte, hat Philip Anderson mit Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund zumindest teilweise beantworten können. Er ist Migrationsexperte der Stadt München und berät sie in diesem Themenfeld. „Die Menschen, die präsent sind, um sich buchstäblich Gehör verschaffen zu können, sind Menschen, die sich klar artikulieren können (…) oder einen soliden Bildungshintergrund und Aussprachekenntnisse haben“, erklärt er. Tendenziell seien Menschen mit Migrationshintergrund dabei zurückhaltender. Bei Menschen ohne deutschen Pass ist das Problem sogar noch größer. Ohne eine Stimme im Wahlsystem sind diese Menschen für die Politik uninteressant. Anders gesagt: Wahlkampf und Programme werden für diejenigen gemacht, die wählen dürfen.
Migrationsexperte Philip Anderson spricht im Interview mehrfach die Probleme der politischen Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund an.
Patrick Kronjäger
Eine Randgruppe ohne Gehör und teilweise ganz und gar ohne Stimme. Die Politik muss inklusiver werden. Es muss mehr darüber gesprochen werden, dass die Menschen mit Migrationshintergrund, die hier länger bleiben, die Sprache lernen wollen. Sie wollen hier Ausbildungen machen, erklärt Philip Anderson. Er fordert auch, dass mehr darüber gesprochen werden muss, was für ein wichtiger Wirtschaftsfaktor Migranten sind. Anderson beruft sich auf eine Statistik der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, die besagt, dass 806.000 Selbstständige eine Einwanderungsgeschichte aufweisen. Dies entspricht jeder vierten unternehmerisch tätigen Person in Deutschland.
Die Frage bleibt jedoch, wie Politik auf diese Realität reagieren kann. Wenn ein Teil der Bevölkerung sich nicht vertreten fühlt oder gar nicht wählen darf, entsteht eine demokratische Lücke. Entscheidungen werden zwar formal legitim getroffen, doch ein Teil der Gesellschaft fühlt sich dabei kaum berücksichtigt. Gerade auf kommunaler Ebene, wo über Wohnraum, Bildung, Verkehr oder soziale Angebote direkt den Alltag betreffen, können politische Beteiligung eigentlich greifbar sein.
Drei Leben, drei Perspektiven
Währenddessen geht die Ausgabe an der Tafel weiter. Kisten werden geöffnet, Brot verteilt, Gemüse wandert in die Taschen. Mike Wood steht weiter zwischen den Menschen, begrüßt einige, fragt andere kurz, wie es ihnen geht und lässt sich die Krawatte abschneiden.
Genau hier zeigt sich eine andere Seite der Stadt. München gilt als wohlhabend, als wirtschaftlich stark und lebenswert. Trotzdem kommen jede Woche Tausende Menschen zur Tafel. Manche von ihnen dürfen wählen, andere nicht. Manche fühlen sich gehört, manche jedoch nicht.
Für Geterin ist das Vertrauen in die Politik längst brüchig geworden. Trotzdem will sie weiterhin wählen gehen. Nicht aus Hoffnung, sondern aus Pflichtgefühl. Ganz anders als Hristijan. Politik spielt in seinem Alltag kaum eine Rolle. Der Wahlkampf und die Debatten scheinen weit weg von seinem Leben. Lunan beobachtet das politische Geschehen eher von außen. Ein Teil davon ist sie bisher noch nicht.
Drei Menschen, drei unterschiedliche Lebensgeschichten. Was sie verbindet, ist das Gefühl, dass ihre Stimmen im politischen Alltag nur schwer zu hören sind. Alle drei gehen weiter ihre Wege in einer Stadt, in einem Land, in dem politische Entscheidungen getroffen werden, die jeden betreffen, aber nicht jeden gleichermaßen erreichen.
G-Raum Gequatsche - der Podcast
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