Von Pferden und heißen Eisen
In seiner mobilen Werkstatt schmiedet Bernhard für jedes Pferd das passende Hufeisen.
Emilia Born
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Bernhard Mutzbauer arbeitet seit 2013 als selbstständiger Hufschmied im Raum Ebersberg bei München. Damit ist er einer von rund 3.500 Hufschmieden in Deutschland. Der Beruf ist seltener geworden ‒ 2017 gab es noch 5.000 Hufschmiede.
Bernhard hatte zunächst eine metallverarbeitende Ausbildung gemacht und entschied sich dann für die Weiterbildung zum Hufschmied. Seine frühere Partnerin und jetzige Ehefrau habe ihn damals für Pferde begeistert. „Davor hatte ich gar nichts mit Pferden am Hut. Und dann habe ich mich entschieden, weil mir das mit dem Pferd so viel Spaß gemacht hat, dass ich irgendwas mit Pferden machen möchte. Ich habe da noch gar nicht so richtig gewusst, was“, sagt Bernhard.
Er habe dann einen Hufschmied für ein paar Tage begleitet, um zu erfahren, ob der Beruf wirklich etwas für ihn sei. Und tatsächlich ‒ zwischen Bernhard und der Hufschmiederei hat es gefunkt. Seitdem ist viel Zeit vergangen, doch die Leidenschaft für heiße Eisen und „die gewisse Liebe zum Pferd“ sind Bernhard geblieben.
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Als passionierter Pferdesportler findet Bernhard trotz vieler Termine noch Zeit, selbst zu reiten. Das liege vor allem an seinem guten Zeitmanagement: „Ich plane das recht gut. Ich fahre nicht wegen jedem einzelnen Pferd rum.“ Mit 340 Pferde-, zwei Esel- und zwei Mulibesitzern, deren Tiere er versorgt, ist Bernhard voll ausgelastet und kann keine neuen Kunden annehmen. Denn alle sechs bis acht Wochen muss er jedes der rund 350 Tiere behandeln. Seine Freizeit verbringt der 36-Jährige am liebsten mit seinem bereits zweiten Pferd Cino.
Genauso ging es 2019 laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens IPSOS 2,3 Millionen Menschen in Deutschland, die regelmäßig oder gelegentlich auf einem Pferderücken sitzen. Insgesamt leben gut 1,3 Millionen Pferde in Deutschland. Das schlägt sich auch wirtschaftlich zu Buche. In Zahlen aus 2024 schätzt man den Umsatz der deutschen Pferdewirtschaft auf fast sieben Milliarden Euro. Darunter fallen 39 Prozent der Ausgaben auf den Bereich Pferdehaltung und 61 Prozent auf den Bereich Einzelhandel und Dienstleistungen ‒ wozu auch der Besuch beim Hufschmied zählt. Bernhard sagt, dass er einen fairen Preis verlange und sich für einen Mittelweg entschieden habe: „Ich möchte nicht der Günstigste, ich möchte aber auch nicht der Teuerste sein.“
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Seit zwei Jahren begleitet Lehrling Ramon Nachsel den erfahrenen Hufschmied. Der 21-Jährige ist bereits der vierte Lehrling, den Bernhard ausbildet. In Deutschland ist der Beruf eine Weiterbildung und setzt eine abgeschlossene Ausbildung voraus. Das hängt mit dem Hufbeschlaggesetz zusammen, das vorschreibt, dass Huf- und Klauenbeschlag nur von geprüften und staatlich anerkannten Hufbeschlagschmieden durchgeführt werden darf.
„Ich finde es ganz gut, dass es ein Weiterbildungsberuf ist, weil dann die Praktikanten und Lehrlinge, die ich dabei habe, auch nicht so blutjung sind“, sagt der 36-Jährige. Während der nächste Kunde ‒ die sechsjährige Stute Toffee ‒ auf ihre Hufeisen wartet, erklärt Bernhard Ramon, was zu tun ist. Es sei nicht leicht, Auszubildende zu finden, sagt der Hufschmied. „Bei uns in der Region kommen schon ein paar junge Schmiede nach. Aber es gehen natürlich auch einige Ältere.“
Kurt Ludwig, Hufbeschlaglehrschmied und Inhaber der Bayerischen Hufbeschlagschule in Hilpoltstein, hat nach eigenen Worten vor allem Quereinsteiger in seinen Weiterbildungskursen sitzen. „Maurer, Zerspanungsmechaniker, Automechaniker, Friseure, Ingenieure oder Ärzte“, sagt Ludwig. Nur wenige Frauen kennt Bernhard unter den Hufschmieden. „Es ist doch ein bisschen so eine Männerdomäne, weil es einfach körperlich sehr anstrengend ist“, sagt er. Aber auch Bernhard kennt „den ein oder anderen Tag, wo irgendwas zwickt“.
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Bei Pferd Lori prüft Bernhard die Hufe zunächst auf Verletzungen und Krankheiten. Zu einem Hufschmied gehört mehr, als nur Schmied zu sein. „Das Pferdeverständnis muss man sich schon erarbeiten. Wie sie reagieren und wie sie ticken. Das dauert schon länger“, sagt Bernhard. Angehende Hufschmiede müssen zunächst eine bis zu dreieinhalbjährige Erstausbildung machen, beispielsweise in der Metallverarbeitung. Schließlich folgt ein zweijähriges Vollzeitpraktikum. Daran schließen sich ein Einführungs- und ein Prüfungsvorbereitungskurs, die zusammen fünf Monate dauern.
„Also so knapp sechs Jahre bist du schon beschäftigt, bis du letztendlich an deinem Ziel bist“, fasst Bernhard zusammen. Es gebe noch einen anderen Weg, um Hufschmied zu werden, ergänzt Ludwig, Inhaber der Bayerischen Hufbeschlagschule in Hilpoltstein. Man könne auch direkt nach der Schule eine dreieinhalbjährige Ausbildung machen. „Dafür muss man Metallgestalter lernen, mit Fachrichtung Hufbeschlag. Aber das Problem ist, es fehlen die Ausbilder.“
Die Kosten für die Weiterbildung zum Hufschmied seien bis zu 10.000 Euro hoch, sagt Ludwig. Dabei komme es darauf an, ob man eine private oder staatliche Hufbeschlagschule als Ausbildungsort wähle. Während staatliche Schulen mehr Förderung erhielten und für Teilnehmer günstiger seien, müsse man bei privaten Schulen tiefer in die Tasche greifen. In Deutschland gibt es aktuell zwölf Hufbeschlagschulen, knapp die Hälfte davon ist privat geführt.
Die Lehrinhalte sind theoretischer und praktischer Natur. In der Theorie lernen die Teilnehmenden beispielsweise die Anatomie eines Pferdehufes kennen. Im praktischen Abschnitt dürfen die angehenden Hufschmiede dann selbst Eisen schmieden, Hufe bearbeiten und beschlagen. Hufschmied zu werden sei mit Herausforderungen verbunden, die nur jemand bewältigen könne, der es auch wirklich anstrebt, sind Bernhard und Ludwig überzeugt.
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Für die neuen müssen die alten Eisen weichen. Bernhard entfernt sie mit einer Zange ‒ das Pferd spürt dabei keinen Schmerz. „Das ist wie, wenn man beim Zahnarzt ist und eine Spritze bekommen hat. Also man merkt, dass irgendwas gemacht wird, aber irgendwie tut es ja doch nicht weh“, sagt Bernhard. Manche Pferde hätten trotzdem Angst vor dem Beschlag. Bernhard vermutet, weil die Tiere den Umgang damit „vielleicht nie richtig gelernt haben“. Früher seien Hufschmiede auch noch anders mit den Tieren umgegangen, aus Bernhards Erfahrung „viel ruppiger“. Mittlerweile ist das anders, sagt er: „Der moderne Hufschmied ist ja schon mal grundsätzlich lieb und nett zum Pferd, und macht das mehr mit Vertrauen.“
Aber auch die Einstellung mancher Hufschmiede, wie sie mit ihren Kunden umgehen, hat sich geändert. Ludwig sagt, „wenn bei mir ein Pferd blöd ist, dann stelle ich mich hin und sage, du kannst mich wieder anrufen, wenn das Pferd erzogen ist. Aber ich werde mit diesem Pferd nicht kämpfen“. Dennoch gebe es aus Ludwigs Erfahrung viele Hufschmiede, die nicht das Privileg hätten, ein Pferd abzulehnen. „Wenn ich was nicht machen möchte, dann mache ich das nicht. Es gibt viele Schmiede, die frisch anfangen, die darauf angewiesen sind, sich einen guten Stand aufzubauen. Die beschlagen auch jedes noch so schwierige Pferd“, sagt er.
Dabei komme es oftmals auch zu Unfällen, wie Ludwig weiß, da er selbst noch als Unfallgutachter arbeitet: „90 Prozent meiner Kunden sind verletzte Hufschmiede.“ Zum Glück habe sich Hufschmied Bernhard noch nie ernsthaft verletzt, aber, „dass sich ein Pferd mal losgerissen und mir einen Nagel in die Hand reingerammt hat, das kann schon passieren“, erzählt er.
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Obwohl Lehrling Ramon noch nie auf einem Pferd gesessen hat, entscheidet er sich damals für die Weiterbildung zum Hufschmied. Über die Bundeswehr entdeckte Ramon seine Faszination für Pferde. Als er bei den Gebirgsjägern diente, machte er Bekanntschaft mit den sogenannten Maultieren, einer Kreuzung aus Esel und Pferd. Die Maultiere, auch Mulis abgekürzt, werden von den Gebirgsjägern genutzt, um schwere Lasten zu tragen. Dabei zeichnet sie ihre robuste und ruhige Art aus.
Nachdem Ramon die Bundeswehr verlassen hatte, ging er bei Bernhard in die Lehre. Anfangs ist dem jungen Lehrling das Ertragen des Pferdegeruchs „am schwersten gefallen“. Doch schließlich gewöhnte sich Ramon an den Duft nach Pferdehufen, abgehobeltem Horn, verbranntem Eisen und Pferdemist. Laut dem 21-Jährigen muss ein Hufschmied nicht nur Gerüche vertragen können, sondern auch „Einfühlungsvermögen, Ausdauer und Kraft“ mitbringen sowie „innere Ruhe“ ausstrahlen. Am meisten Spaß mache ihm „die Abwechslung“ in seinem Beruf.
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In seiner mobilen Werkstatt passt Bernhard die Eisen individuell an jedes Pferd an. Es gibt unterschiedliche Eisen für die Vorder- und Hinterhufe, bei besonderen Hufformen und für bestimmte Reitdisziplinen oder Pferderassen. Außerdem kann der Pferdebesitzer zwischen Eisen und Alternativbeschlägen aus Kunststoff oder Aluminium wählen. Im Dressur- oder Springsport eignen sich beispielsweise eher leichte Hufeisen aus Aluminium, um die Gelenke der Pferde zu entlasten. Für Pferde, die sich auch im Winter viel draußen bewegen, werden die Hufeisen zusätzlich mit Einsätzen aus Kunststoff modifiziert. Das verringert die Rutschgefahr für Pferd und Reiter. Pro Pferd brauchen Bernhard und sein Lehrling eine gute Stunde. „Vor allem mit vier Eisen und Wintergrip. Dann zieht es sich schon“, sagt er.
Die alten Eisen kann man sich als Glücksbringer aufhängen. Wichtig ist nur, dass das Hufeisen mit der Öffnung nach oben hängt, damit das Glück nicht herausfällt. Der Ursprung des Hufeisens als Glückssymbol geht bis in die Antike zurück. Damals glaubte man, dass Metallgegenstände böse Geister abwehren könnten. In der Neuzeit freuten sich Bauern, wenn sie Hufeisen fanden, da sie damals kein Geld hatten, ihre Pferde beschlagen zu lassen. Eisen hatte zu dieser Zeit einen hohen Wert. Bei Bernhard wandern die alten Hufeisen auf den Wertstoffhof und werden recycelt. „Ob die dann wieder Hufeisen werden, weiß ich nicht“, sagt er.
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Es dampft nicht unbedingt, wenn das neue Hufeisen auf den Pferdehuf aufgebracht wird. Denn Bernhard kennt „Kollegen, die machen es nur kalt“. Er hingegen sieht einen großen Vorteil im heißen Beschlag, denn die entstehende Hitze sei gegen Bakterien. Das Beschlagen ist nicht trivial, daher darf es nur ein ausgebildeter Hufschmied.
Hufpfleger hingegen dürfen nicht beschlagen. Sie kümmern sich vorrangig um sogenannte Barhufer, also Pferde ohne Hufeisen. Ein Hufpfleger reinigt den Huf, kürzt das überschüssige Horn und ist mit der Stellungskorrektur und Behandlung von Huferkrankungen vertraut. Außerdem darf er Klebebeschläge anbringen.
Unter den Hufpflegern gebe es „deutlich mehr Frauen“, sagt Bernhard. Er gesteht der Hufpflege zwar eine gewisse „Daseinsberechtigung“ zu, sieht den Beruf aber dennoch kritisch: „Das ist nicht staatlich geregelt und keine geschützte Berufsbezeichnung. Meistens sind das nicht sehr fundierte Ausbildungen. Wenn es dann wirklich ans Eingemachte geht, weil das Pferd jetzt irgendein Problem hat, dann kommen die Hufpfleger meist an ihre Grenzen.“ Auch Ludwig kritisiert die kurze Ausbildung zum Hufpfleger. „Das Problem sind diese Wochenendkurse. Es ist nichts geregelt. Das ist auch ein Tierschutzproblem. Wir haben so viele Behandlungsfehler“, ergänzt der erfahrene Hufschmied und Schulbetreiber. Im Angesicht der wenigen existierenden Hufschmiede sagt Ludwig aber: „Wir brauchen die Hufpfleger. Die Hufschmiede können das gar nicht alles stemmen.“
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Sind die neuen Hufeisen angebracht, fixiert Bernhard sie mit Nägeln. Dabei geht er stets mit der gleichen Sorgfalt vor. Ob Zuchthengst oder Freizeitpony, „jedes Pferd ist erst einmal gleich zu behandeln“, sagt Bernhard und fügt hinzu: „Egal, wie teuer das Pferd war.“ Zu beschlagen „ist nicht einfach nur, zack, Eisen runter, wieder drauf, sondern man muss sich schon Gedanken machen bei seiner Arbeit“, betont Bernhard. Die Hufe eines Pferdes seien das Fundament und „wenn dem schon was fehlt, läuft das ganze Pferd nicht mehr“.
Mit Künstlicher Intelligenz sei das Ausmessen der Hufe noch nicht möglich, „weil es einfach so individuell ist und du so viel beachten musst, was mit Biomechanik und Hufstellung zu tun hat“, sagt der erfahrene Hufschmied.
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Mit neuen Eisen beschlagen, darf das Pferd zurück auf die Koppel oder in den Stall ‒ bis es in sieben Wochen wieder heißt: Der Hufschmied kommt. Der Umgang mit den Kunden sei manchmal speziell, „Pferdebesitzer eben“, sagt Bernhard. „Wenn die Besitzer da sind, das ist ein bisschen wie beim Friseur. Die fragen dich alles rund ums Pferd.“ Darum sei es von Vorteil, wenn ein Hufschmied gleichzeitig auch Reiter ist, weiß Bernhard: „Du interessierst dich auch privat dafür“, sodass du „einfach ein bisschen überall mitreden“ kannst.
Über seine Zukunft mache sich Bernhard keine großen Gedanken. In seiner Region sei es noch nicht absehbar, dass sich die Menschen keinen Hufschmied mehr leisten könnten. „Aber“, sagt Bernhard, es gebe schon einige, „die sich jetzt überlegen, ob sie sich wieder ein Pferd kaufen.“ Ein Pferd zu haben ist laut Bernhard mittlerweile wieder „mehr zum Luxus“ geworden. Trotzdem hofft er, seinen Beruf „bis zur Rente“ ausüben zu können.
Ludwig zweifelt daran, ob Hufschmiede auch künftig noch so gefragt sein werden. „Werden es sich die Leute, wenn es so weitergeht mit der ganzen wirtschaftlichen Entwicklung, noch leisten können?“, fragt er sich. Er selbst „habe nur die Kundschaft, die Geld hat“, aber bei seinen Kollegen sehe das teilweise anders aus. Das gebe ihm zu denken.
Emilia Born
Auch Cino hat es geschafft ‒ alle seine vier Hufe sind neu beschlagen. Zusätzlich hat der Wallach rutschfeste Einsätze aus Kunststoff bekommen. So können er und Bernhard auch bei Glätte und Schnee noch ausreiten.
Beim Blick auf Cinos Box und den weiten Ausblick über die Felder lächelt Bernhard und sagt: „Ja, da hat er es schön.“ Für Bernhard und viele seiner Kunden sei das eigene Pferd „ein Kindersatz, ein Familienmitglied“, dem es immer möglichst gut gehen soll. Daher liegt ihm sein Beruf und der artgerechte Umgang mit den Tieren auch so am Herzen.
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