In Würde wiederbelebt
Eine Katze auf der "ersten Station": der Tiefkühltruhe.
Conrad Solms-Laubach
Wer bei Uschi Hänel die Tiefkühltruhe öffnet, braucht starke Nerven. Hier muss man mit Allem rechnen. Eine Katze liegt seit ein paar Tagen darin, zwischen anderen Körpern und Häuten. Ein Haustierliebhaber möchte sich für immer an sie erinnern, deshalb hat er sie zu Uschi gebracht. „Das ist für alle Stücke die erste Station“, sagt sie, „bevor ich sie ausziehe, müssen sie erst einmal sauber durchkühlen.“ Die Kälte stoppt bakterielle Prozesse, die sonst das Leder zerstören und später zu Haarausfall beim Präparat führen würden. Für Außenstehende klingt das hart. Für sie ist es ihr tägliches Brot und ihre Leidenschaft.
Conrad Solms-Laubach
Wenn man im Laden von Uschi Hänel steht, wird man von hunderten Augen beobachtet. Die präparierten Jagdtrophäen und Haustiere sehen täuschend lebendig aus. Trotz der vielen Blicke herrscht eine behagliche Atmosphäre. Der Geruch von Kaffee, Leder und Rauch, der Klang des Radios, alles wirkt gemütlich gedämpft.
Durch die Tür mit der Aufschrift „Werkstatt“ kommt man aus dem Showroom zum Ort, an dem alles entsteht. Hier sitzt Uschi und bereitet ihren Arbeitsplatz für ihr nächstes Projekt vor: eine Geiß, also ein weibliches Reh, mit Gehörn. „Die Trophäen, die ich hier bekomme, sind natürlich meistens sehr besonders. Aber eine Geiß mit Gehörn habe ich auch nicht jeden Tag. Das macht schon Freude.“
Conrad Solms-Laubach
Uschi Hänel hat das Geschäft aus alter Familientradition übernommen. „Ich wurde von klein auf angelehrt“, gibt sie lachend zu. Ihr Vater habe mit dem Präparieren von Jagdtrophäen aus seiner Leidenschaft zur Jagd heraus angefangen. Über die Zeit entwickelte sich der kleine Laden in Saal an der Donau von einem Kontakt, der unter Jägern mündlich weitergegeben wurde, zu einer Hausnummer in der Szene.
Eine richtige Ausbildung haben allerdings weder Uschi noch ihr Vater gemacht. „Es kann ja jeder in seinem Keller ein Schild aufhängen und sich Präparator nennen. Viele unterschätzen das Handwerk. Wer keinen Hirsch malen kann, sollte gar nicht erst versuchen, einen zu präparieren. Ich habe das alles von meinem Vater gelernt. Von den ganzen Hinterhofanbietern halte ich nichts.“ Tatsächlich ist der Beruf zwar nicht geschützt, eine offizielle Ausbildung zum tierpräparatorischen Assistenten gibt es aber trotzdem.
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Am Walter-Gropius-Berufskolleg in Bochum treten jedes Jahr 30 Schüler die Ausbildung zum präparationstechnischen Assistenten in den Bereichen Biologie, Medizin und Geologie an. Trotz der steigenden Anzahl an Jagdscheininhabern in Deutschland bleibt die Bewerberzahl gleich, bestätigt Martin Berndt, der am Berufskolleg für die Ausbildungsplanung zuständig ist. „Einen Trend gibt es eigentlich nicht, in der Biologie sind die Bewerberzahlen kontinuierlich hoch und die zehn Plätze werden immer besetzt.“
Die steigende Anzahl an Jägern spürt Uschi Hänel allerdings deutlich. „Ich habe mittlerweile so viele Aufträge, dass ich ein bisschen selektieren kann.“ So präpariert sie mittlerweile weder Fische noch Wildschweine, wenn diese ihr zu schwer sind.
„Ganz besonders gern präpariere ich besondere Präparate“, sagt Uschi, und nickt dabei lächelnd in Richtung des Luchses, welcher in ihrem Showroom steht. „Einen Luchs darf man in Deutschland natürlich nicht jagen. Der hier wurde angefahren und jetzt von mir für eine Jagdschule präpariert.“ So trägt sie im Zuge ihrer Arbeit auch zum Natur- und Artenschutz bei.
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Um ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden und damit die Tiere wirklich realistisch aussehen, sind Details entscheidend. „Jedes Tier hat eine besondere Pupille. Allein am Auge kann man Rot- von Damwild unterscheiden.“ Darauf müsse sie besonders achten, denn ihre Liebe zum Detail sei das, was die Kunden lockt. Diese fahren teils hunderte Kilometer, um ihre Haustiere und Trophäen bei ihr abzugeben.
Ihrem Ruf will Uschi gerecht bleiben, deshalb bildet sie sich laufend weiter. Sie geht auf Fortbildungen, Messen und liest Fachliteratur. Trotz alldem bleibt sie bodenständig. „Ich komme aus der Praxis und will es mit dem ganzen Drumherum nicht übertreiben.“
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Uschi ist selbst Jägerin und liebt die Natur. „Die Jagd war schon immer ein Riesenhobby von mir. Muss sie ja auch sein, wenn man so einen Beruf macht“, fügt sie hinzu. Mit der Kontroverse bezüglich der Jagd und der Aufbereitung von Jagdtrophäen habe sie wenig zu tun. „Davon bekomme ich eigentlich kaum etwas mit. Persönlich hat sich noch nie einer bei mir beschwert.“ Trotzdem ist sie sich der Diskussion bewusst und sagt auch selbst, dass eine Trophäenjagd in Afrika nichts für sie wäre. „In einem Gatter irgendwo in der Wüste einen Oryx zu schießen hat für mich nichts mit Jagd zu tun.“
Die Jagd entwickle sich derzeit in eine unschöne Richtung. Vor allem bei „Modejägern“ sei der Fokus nicht auf den jagdlichen Traditionen, der Hege und dem sozialen Aspekt, sondern oft bei der Trophäe. „Das finde ich schade. Und deshalb mach ich auch keine Drückjagden mehr. Die Leute schießen nur auf alles, was sich bewegt. Dieses Ballern finde ich nicht gut.“
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Auch in ihrem Handwerk habe sich in den letzten Jahrzehnten viel getan. Uschis Vater schnitzte damals noch den kompletten Unterbau einer jeden Trophäe aus Holz. Uschi hingegen nutzt heute moderne Formen und sogar Teile aus dem 3D-Drucker.
Ihre Bewegungen sind ruhig und routiniert. „Es ist immer ein cooler Moment, wenn die Decke so weit ist, dass ich sie draufziehen kann. Dann knöpf ich das Jäcklein zu, und dann sieht das schon nach was aus.“ Das Fell legt sich Stück für Stück über die Form, und langsam wird erkennbar, was später einmal im Showroom stehen wird.
Genau an diesem Punkt beginnt der schwierigste Teil. Das Stück soll am Ende aussehen, als wäre es lebendig. Um das zu erreichen, braucht es Gefühl, ein Auge für Proportionen und für das Wesen des Tieres. „Jetzt kommt die Kunst“, sagt Uschi und tritt einen Schritt zurück, um das Ganze zu begutachten.
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Vor der halb fertigen Rehgeiß zeigt sich, dass Präparation oft Feinarbeit auf Messers Schneide ist. Jeder Zug der Haut entscheidet darüber, ob das Tier später lebendig wirkt oder bloß wie eine Puppe aussieht. „Das ist der Moment, wo man nichts mehr verstecken kann“, sagt Uschi und zupft an der Trophäe. „Die Form gibt dir nur einen Rahmen. Aber wie das Stück schaut, wie es wirkt, das liegt alles an dir.“
Viele Herausforderungen entstehen erst, wenn man glaubt, schon fast fertig zu sein. Falten, die sich beim Trocknen anders legen als gedacht, Haut, die ein klein wenig spannt, oder Stellen, an denen man das Tier „lesen“ muss, um sein natürliches Verhalten zu treffen. „Der Unterschied zwischen ‚schön‘ und ‚stimmig‘ sind Millimeter“, erklärt sie und richtet mit zwei Fingern vorsichtig die Maulpartie nach. „Du musst das Tier verstehen. Sonst wirkt es tot.“
Nicht jede Tätigkeit verlangt ein ausgeprägtes künstlerisches Gespür. Viele Teile des Berufes sind schlicht Alltag. Zwischen Rehgeiß mit Gehörn und Luchs landen bei Uschi auch ganz gewöhnliche Fälle.
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„Und so geben uns die Leute teilweise ihre Trophäen ab“, sagt Uschi, während sie eine Rolle auf dem Tisch ausbreitet. An der Färbung des Kopfes erkennt man die Dachs-Schwarte. Sie wurde vom Jäger noch im Wald vom Körper getrennt, das zeigen die kleinen Blätter und Steinchen, die beim Ausrollen aus der Schwarte herausbröseln. „Die meisten Leute denken, sie hätten die Haut sauber vorbereitet. Meistens ist das aber nicht der Fall.“
Uschi wickelt die Schwarte aus und beginnt mit einer Pinzette, jeden kleinen Stein zu lösen. „Wenn du nicht aufpasst, hast du später einen Haufen Zusatzarbeit, und das ist dann richtig zäh.“ Zum Präparieren von Wild gehört neben dem Modellieren an sich auch sehr viel Vorbereitung. „Ohne die richtige Vorbereitung wird das Präparat nichts. Wenn allerdings die Kunden etwas mehr aufpassen würden, könnte ich mir einen Großteil der Fummelarbeit jetzt sparen.“
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Bevor mit der Schwarte vom Dachs gearbeitet werden kann, müssen neben dem Dreck auch die Branten, also die Pfoten, herausgeschnitten werden. „Das ist der Moment, an dem man genau sieht, wie ordentlich der Kunde vorgearbeitet hat“, sagt Uschi und beginnt vorsichtig, die feinen Gelenke freizulegen. „Wenn da noch Reste drin sind, Steinchen, Knochenstücke oder nicht vollständig abgezogenes Gewebe, dann kann das später richtig anfangen zu stinken.“
Viele Kunden kommen direkt aus der Jagd, aber nicht nur. Manche bringen Haustiere, andere ungewöhnliche Funde wie Greifvögel oder Igel. „Jeder Auftrag hat seine eigene Geschichte“, erklärt sie. „Da ist ein Hund, der zur Erinnerung präpariert wird, oder ein Albino-Reh, das ein Jäger für die besondere Trophäe bringt.“ Uschi kennt ihre Kunden genau, viele kommen regelmäßig.
Das Herausschneiden der Branten ist körperlich anstrengend. Nach der Vorarbeit mit einem feinen Skalpell wird eine große Zange zum Einsatz gebracht. Dabei geht Uschi routiniert vor. „Du musst das Tier respektieren, aber auch dem Auftraggeber gerecht werden. Das ist ein schmaler Grat.“ Sie bekäme manchmal auch Anfragen, welche sie ablehne. „Manchmal kommen Leute, die wollen Hasen beim Kartenspielen oder einem Waschbären eine Latzhose anziehen. Sowas lehne ich ab, das finde ich respektlos.“
Conrad Solms-Laubach
„Mit meiner Arbeit erschaffe ich etwas. Ich schaue in den Raum und sehe, was ich geleistet habe.“ Die Katze liegt jetzt friedlich auf dem Regal, so als würde sie schlafen. Nichts deutet darauf hin, dass sie vor wenigen Tagen noch in der Tiefkühltruhe lag. „Wenn ich so ein Tier fertig vor mir sehe, ist das immer ein besonderer Moment“, sagt Uschi. „Da weißt du, dass sich jeder kleine Handgriff gelohnt hat.“
Uschi arbeitet in einem Beruf, den nur wenige ausüben. Menschen vertrauen ihr ihre geliebten Tiere und wertvollen Trophäen an. Dieses Vertrauen nimmt sie ernst. Diskussionen über die Sinnhaftigkeit von Jagd und Trophäen liegen ihr fern, für sie zählen nur der Respekt vor dem Tier, die Sorgfalt im Handwerk und das Einfangen von Erinnerungen.
Die fertigen Präparate zeigen, was ihren Beruf ausmacht. Es ist das Wissen, dass hinter jedem Stück ein Leben steht, das gewürdigt werden will.
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