Wirtschaft

Celle - Das Houston Europas

Christopher Kautz
Lesezeit 7 min
Bohrturm

Zwischen Tradition und Energiewende: Eine Bohranlage im Raum Celle, einem Zentrum der deutschen Erdölindustrie

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Christopher Kautz

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Mitten in Niedersachsen liegt ein Ort, den außerhalb der Branche nur wenige mit Öl und Bohrtechnik verbinden: Celle. Dabei gilt die Stadt als eines der wichtigsten Zentren der europäischen Bohrindustrie und wird nicht ohne Grund als „Houston Europas“ bezeichnet. Tatsächlich haben sich in Celle über Jahrzehnte zahlreiche Unternehmen der Bohr- und Energietechnik angesiedelt. Eines davon ist Scientific Drilling International (SDI), ein US-amerikanisches Unternehmen, das seit April 2014 in Deutschland vertreten ist. Von seinem Standort in Celle aus entwickelt die Firma Technologien für Bohrprojekte auf der ganzen Welt. Doch wie verwundbar sind US- Konzerne, die in Deutschland einen Standort haben, wenn weltweite politische Krisen und steigende Energiepreise die Märkte erschüttern?

Ein Unternehmen, das sich mit dieser Frage beschäftigt, ist Scientific Drilling International in Celle. Die Organisation wurde 1969 in den USA gegründet und gehört heute zu den spezialisierten Technologiedienstleistern der Öl- und Gasindustrie. Anders als klassische Ölkonzerne fördert SDI selbst kein Öl. Geschäftsführer Carsten Freyer beschreibt, dass das Unternehmen stattdessen technische Systeme entwickelt, die Bohrungen präziser, sicherer und wirtschaftlicher machen. Dazu gehören automatische Steuerungssysteme, digitale Messverfahren und Technologien zur Auswertung von Bohrdaten.

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SDI Fahne

Technologie aus Celle für Bohrprojekte rund um den Globus

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Hightech aus Celle

Der Standort ist ein wichtiger Technologie- und Entwicklungsstandort, an dem Ingenieure aus den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik und Softwareentwicklung im Einklang an Lösungen für internationale Kunden arbeiten. Gleichzeitig entstehen in Werkstätten und Testbereichen die Systeme, die später auf Bohranlagen in verschiedenen Teilen der Welt zum Einsatz kommen.

Moderne Öl- und Gasbohrungen sind hochkomplexe technische Projekte. Bereits kleine Abweichungen können hohe Kosten verursachen. Genau hier setzt Scientific Drilling an. Die entwickelten Systeme helfen dabei, Bohrungen genauer zu steuern und effizienter durchzuführen. Viele dieser Technologien werden in Celle entwickelt, getestet und anschließend weltweit eingesetzt, erklärt Freyer.

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Geschäftsführer Carsten Freyer zeigt nicht nur am Schreibtisch, wo es lang geht

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Im Vergleich zu internationalen Großkonzernen wie Baker Hughes ist Scientific Drilling deutlich kleiner. Branchenportale wie Zippia schätzen den Umsatz von SDI auf mehrere hundert Millionen US-Dollar, während Baker Hughes im Jahr 2024 einen Umsatz von rund 27,8 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete. Beide Gesellschaften entwickeln Technologien für die Öl- und Gasindustrie. Während Baker Hughes weltweit Milliardenprojekte betreut und über große finanzielle Reserven verfügt, liegt der Fokus von Scientific Drilling auf spezialisierten technischen Lösungen. Wie bereits zu Beginn erwähnt, sind sowohl das SDI als auch das Baker Hughes von politischen Krisen und Preisschwankungen betroffen.

Geschäftsführer Freyer (SDI) erklärt, dass die Öl- und Gasbranche unmittelbar auf Veränderungen des Weltmarktes reagiert: „Sinkende Ölpreise führen häufig dazu, dass Förderunternehmen geplante Investitionen verschieben oder ganz absagen. Dadurch gehen Aufträge verloren.“ Steigende Ölpreise würden dagegen nicht automatisch Vorteile bringen. Zwar profitierten Ölproduzenten von höheren Erlösen, gleichzeitig würden jedoch auch Energie-, Material- und Logistikkosten steigen. Um auf solche Entwicklungen vorbereitet zu sein, setze das Unternehmen auf Flexibilität und neue Geschäftsfelder: „Dazu gehört insbesondere die Tiefengeothermie, bei der ähnliche Technologien wie in der Öl- und Gasförderung eingesetzt werden.“  

Die Erdöltradition begann in Niedersachsen

Die Entscheidung eines amerikanischen Ölkonzerns für die Stadt Celle lässt sich am besten mit einem Blick in die Geschichte der Region erklären. Die Stadt blickt auf eine lange Tradition in der Erdölindustrie zurück und gilt bis heute als bedeutender Standort der Bohrtechnik. Genau deshalb wird Celle häufig als „Houston Europas“ bezeichnet.

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Das Erdölmuseum Wietze beweist die traditionsreiche Ölindustrie in Celle

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MARKUS TIEMANN LUENEBURG, © MARKUS TIEMANN

Auch Dr. Stephan A. Lütgert, Leiter des Deutschen Erdölmuseums Wietze, verweist auf die historische Bedeutung der Region. Bereits im 17. Jahrhundert wurde in Wietze Erdöl gewonnen. Mit der Industrialisierung entwickelte sich Niedersachsen zum wichtigsten deutschen Erdölfördergebiet. Über Jahrzehnte entstand rund um Celle ein Netzwerk aus Unternehmen, Ingenieuren und Fachkräften, das bis heute besteht. Lütgert betont:“ Die Entwicklung der deutschen Erdölindustrie nahm hier ihren Ausgang.“ Außerdem sagt Lütgert:“ In der Ölförderung spielt Deutschland keine große Rolle mehr, allerdings verfügen wir noch über viel Know-how.“ 

Tradition allein ist nicht alles

Die historische Bedeutung des Standorts allein beantwortet jedoch nicht die Frage nach der Verwundbarkeit amerikanischer Unternehmen. Hier liefert Professor Thomas Hamacher von der Technischen Universität München (TUM) eine wichtige Einordnung. Er erklärt, dass nahezu alle historischen Ölkrisen politische Ursachen hatten. Konflikte im Nahen Osten, Sanktionen oder geopolitische Spannungen hätten immer wieder zu Unsicherheiten auf den Energiemärkten geführt. Die Ölkrise von 1973 sei dafür eines der bekanntesten Beispiele. Die Ölkrise von 1973 begann, als die OPEC-Staaten die Erdölförderung deutlich verringerten und den Ölpreis stark erhöhten. 

Die OPEC ist eine Organisation von Ländern, die Erdöl fördern und verkaufen. 1973 waren unteranderem Saudie-Arabien und Kuwait Mitglied. Sie wurde gegründet, um die Interessen dieser Länder zu vertreten und gemeinsam Einfluss auf die Förderung und den Ölpreis zu nehmen .Besonders betroffen waren von der Krise westliche Industrieländer, die stark vom importierten Erdöl abhängig waren. Die Folge waren steigende Energiepreise, Lieferengpässe und wirtschaftliche Probleme, die den Alltag vieler Menschen beeinflussten.

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Prof. Hamacher schaut trotz Energiewende und Krisen positiv in die Zukunft

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Astrid Eckert / TUM

Gleichzeitig betont Hamacher, dass Öl trotz Energiewende weiterhin der wichtigste Primärenergieträger der Welt sei. Besonders im Verkehr, in der Industrie und in der chemischen Produktion gebe es bislang nur begrenzte Alternativen. Aus seiner Sicht erhöht die Globalisierung die Verwundbarkeit zusätzlich. Internationale Unternehmen seien heute enger miteinander vernetzt als jemals zuvor. Entscheidungen in den USA oder politische Konflikte im Nahen Osten könnten sich deshalb innerhalb kürzester Zeit auf Unternehmen und Standorte in Deutschland auswirken. Diese Auswirkungen bekommen nicht nur wir preislich an den Tanksäulen zu spüren, sondern eben auch Unternehmen die Dienstleistungen für große Energieunternehmen ausüben. 

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schloss

Die Residenzstadt Celle ist nicht nur für ihre Ölgeschichte bekannt

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Joachim Enders

Celle bleibt "Houston Europas"

Die Region verbindet Erdöl-Historie mit Hightech. Am Beispiel von Scientific Drilling sieht man, wie eng amerikanische Unternehmen in Deutschland global eingebunden sind. Das spiegelt sich momentan im Konflikt zwischen dem Iran und den USA wider. Die Verwundbarkeit von Scientific Drilling International hängt nicht nur vom Ölpreis ab, sondern auch von politischen Krisen, internationalen Märkten und ihrer Fähigkeit, sich an neue Entwicklungen anzupassen. 

Deswegen setzt das Unternehmen einen großen Bereich in die Entwicklung für tiefe Bohrungen in der Geothermie also nach Lagerstättenwasser bohrt und an die Erdoberfläche pumpt.. „Es ist nach wie vor eine interessante Technologie. Was heutzutage unter Tage gemessen werden kann und wie präzise Bohrungen möglich sind, ist bemerkenswert“, so Freyer. „Ohne diese Möglichkeiten läge der Ölpreis heute wahrscheinlich bereits bei 150 bis 200 US-Dollar pro Barrel.“

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Christopher Kautz