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Niklas Bruse beschäftigt sich bei der Rheinbahn mit digitalen Anwendungen und Daten rund um den Verkehrsbetrieb.
Michele Scapicchio
In einer Werkhalle der Rheinbahn steht eine Straßenbahn aufgebockt unter Hochspannung. Über den Gleisen hängen Sicherungsschlösser, jede Werkstatt hat ihr eigenes, nur sie besitzt den Schlüssel, damit niemand den Strom wieder einschalten kann. Sicherheit geht vor. Draußen fahren Busse im Takt, im Hintergrund summt der Verkehr.
Ein paar Räume weiter sitzt Niklas Bruse, Produktentwickler für KI. Er ist bei der Rheinbahn dafür zuständig, das Unternehmen für den Umgang mit Daten und künstlicher Intelligenz aufzustellen. An seinem Schreibtisch dreht er sich vom Bildschirm weg, lehnt sich zurück. Das Chatfenster, das er gerade noch offen hatte, muss warten. Erst mal erklären, was er hier eigentlich macht.
Niklas Bruse an seinem Arbeitsplatz bei der Rheinbahn.
Michele Scapicchio
Bruses Beruf existierte so vor wenigen Jahren kaum. Seine Aufgabe ist es, künstliche Intelligenz in einem Verkehrsunternehmen nutzbar zu machen, nicht als Programmierer, sondern als Schnittstelle zwischen Technik, Organisation und Menschen. Er bewertet KI-Projekte, berät Fachabteilungen, entwickelt Strategien für den Umgang mit Daten und sorgt dafür, dass Mitarbeitende neue Technologien verstehen und anwenden können.
Ein großer Teil seiner Arbeit besteht darin, Kolleginnen und Kollegen an das Thema heranzuführen. Dafür organisiert er Schulungen und interne Experimente mit KI-Systemen, etwa bei der Analyse von Betriebsdaten, der Vorhersage von Verschleiß oder der Optimierung von Abläufen.
Die Unternehmenszentrale der Rheinbahn in Düsseldorf.
Michele Scapicchio
Die Rheinbahn ist kein Einzelfall. Doch der Einsatz künstlicher Intelligenz in vielen Unternehmen steckt noch in den Anfängen: Laut einer Salesforce-Erhebung von 2024 beschäftigen sich 67 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland bislang nicht aktiv mit KI. Auch Bruse sagt: „Wir stehen da am Anfang.“
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Begonnen hat die Rheinbahn mit Chatbots. Vor einem halben Jahr wurden Business-Lizenzen für generative KI eingeführt. Rund 120 Mitarbeitende haben Zugang, doch nur etwa zwanzig nutzen die Systeme regelmäßig. „Ich glaube, dass viele Leute einfach nicht genau verstehen, wie das in ihre Arbeit passt“, sagt Bruse.
Niklas Bruse bespricht an einem Whiteboard mögliche Abläufe für die Bearbeitung von Kundenanfragen.
Michele Scapicchio
Um die Neugier zu bündeln, hat er das „KI-Café“ ins Leben gerufen. Alle zwei Wochen treffen sich inzwischen über siebzig Beschäftigte, um sich zu zeigen, wie sie KI in ihren Alltag einbauen. Bruse hatte mit fünf gerechnet. Eine Kollegin aus dem Einkauf hat sich einen Bot erstellt, der sie durch komplexe Beschaffungsprozesse führt. „Niemand kennt dich und deine Aufgaben besser als du selbst“, sagt Bruse. Deshalb müsse man den Mitarbeitenden Raum geben, eigene Anwendungsfälle zu entdecken.
Gleichzeitig setzt die Rheinbahn klare Grenzen: keine personenbezogenen Daten, keine betriebsempfindlichen Dokumente. Zugriff gibt es erst nach einer verpflichtenden E-Learning-Schulung. Doch KI löst auch Ängste aus. „Ich glaube, dass es generell schon Angst vor dem Thema gibt“, sagt Bruse. Im KI-Café habe man eine Ausgabe nur diesem Thema gewidmet. Gleichzeitig betont er, dass bei der Rheinbahn niemand durch KI seinen Job verlieren werde: „Wir werden in Zukunft eher mehr Leute brauchen als weniger, was sich ändert, das sind die Aufgabenfelder, aber eben auch nicht grundlegend.“
Daniel Guffarth (rechts) präsentiert am Messestand von V2Air ein System für automatisierte Kamerafahrten bei Live-Sportübertragungen.
LinkedIn-Profil von V2AIR
In Wuppertal zeigt sich eine andere Seite dieses Wandels. Bei V2AIR, einem Venture der Riedel Gruppe, ist KI bereits Teil des Produkts: Das Unternehmen entwickelt Drohnenflotten, die bei Sportevents und Live-Übertragungen automatisiert Luftbilder liefern.
Geleitet wird V2AIR von Daniel Guffarth. Der promovierte Volkswirt hat lange in der Automobil- und Luftfahrtindustrie gearbeitet, unter anderem bei Porsche. Mit seinem Team entwickelt er Systeme, die Drohnen- Flugbahnen berechnen und Entscheidungen in Echtzeit treffen lassen, nach fest hinterlegten Regeln. „Wir brauchen deterministische Entscheidungen in der Software, die nachprüfbar von Behörden ausgewertet werden können“, sagt Guffarth.
Eine Drohne filmt ein Autorennen aus der Luft und ermöglicht dynamische Kameraperspektiven für Live-Übertragungen.
LinkedIn-Profil von V2AIR
Wo früher ein Pilot eine einzelne Drohne steuerte, überwacht heute ein Multi-Operator eine ganze Flotte. Er bekommt vom System Anomalien angezeigt und greift ein, wenn nötig. „Wir lösen die Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Pilot und Drohne auf“, sagt Guffarth. Wer hier arbeiten wolle, brauche vor allem: „Neugier, das ist das allergrößte Attribut. Das kann man nicht erlernen.“
Wie stark KI die Arbeit verändert, zeigt die Entwicklung im Digital Twin: Bevor eine neue Funktion in die Luft geht, wird sie im digitalen Zwilling getestet, einer Eins-zu-Eins-Abbildung der realen Welt. „Dort lassen wir fünf Drohnen miteinander fliegen und prüfen, wie sich eine neue Sensorik auf das Gesamtsystem auswirkt", sagt Guffarth. Erst wenn alles im digitalen Raum funktioniert, wird es in die Hardware integriert.
Beide Wege spiegeln denselben Wandel: Der Mensch verschwindet nicht, aber seine Rolle verändert sich.
In der Werkhalle der Rheinbahn summt es weiter. Irgendwann wird die Straßenbahn von den Böcken gelassen und fährt wieder durch Düsseldorf. Ob dann ein Algorithmus entscheidet, wann sie zur nächsten Inspektion muss, ist offen. Den Schlüssel zum Sicherungsschloss aber wird auch in Zukunft ein Mensch drehen.
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