Abnehm-Boom: Lifestyle oder letzter Ausweg?
Mounjaro kann man sich rund um den Bauchnabel oder in die Oberschenkel verabreichen.
Leonharda Neumann
Dagmar Wünsche ist schon fast ihr ganzes Leben übergewichtig.
Leonharda Neumann
Dagmar Wünsche ist eine von ihnen: „Mein Spitzengewicht war 142 Kilo. Jetzt wiege ich 116. Durch die Mounjaro-Spritze habe ich 20 Kilo in 1 ½ Jahren abgenommen.” Wie gefährlich Adipositas ist, zeigt ihre Geschichte. Sie war "schon immer" übergewichtig, wie sie erzählt. Mit 20 machte sie ihre erste Diät. 2017 wird dann Diabetes Typ 2 bei ihr diagnostiziert. 2022 erleidet sie schließlich einen Schlaganfall. Danach ist ihr klar, es muss eine Lösung gegen das Übergewicht her, und die heißt in ihrem Fall Mounjaro. Diese Abnehmspritze des amerikanischen Pharmaunternehmens Eli Lilly kam 2022 auf den Markt.
Auf ihrer Website stellt sich Lilly als „A medicine company that puts health above all” vor, also ein Unternehmen, das Gesundheit über alles stellt. Lilly ist in der Diabetesforschung tätig. Im Mittelpunkt steht hierbei ein Hormon mit dem Namen Glucagon-like-Peptid-1 (GLP-1), das die körpereigene Insulinproduktion anregt. Medikamente mit diesem Wirkstoff sollen den Blutzuckerspiegel senken und das Hungergefühl reduzieren.
Damit erschloss sich ein komplett neuer Therapiezweig. Und der Wettlauf um die Marktführerschaft bei Abnehmmedikamenten begann. Heute wird der Markt der Adipositas- und Diabetesmedikamente, gerade im Bereich der GLP-1-Medikamente, von zwei Unternehmen dominiert: Eli Lilly und dem dänischen Novo Nordisk.
Durch die große Anzahl an noch nicht behandelten Adipositas-Patienten in Europa ist dieser Markt besonders reizvoll für Unternehmen: Analysten wie Goldman Sachs prognostizieren ein Wachstum von 100 Mrd. USD jährlich. Wie profitabel das Geschäft mit dem Übergewicht ist, zeigen auch die Börsenwerte der beiden Unternehmen. Lilly wird aktuell mit 944,6 Milliarden Euro bewertet, Novo Nordisk mit 127,7 Milliarden Euro.
In Mounjaro, der Abnehmspritze von Eli Lilly, ist der Wirkstoff Trizepatid enthalten.
Leonharda Neumann
Um der gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden, kündigte Eli Lilly im Jahr 2024 den Bau eines neuen Werks für 2,3 Milliarden Euro in Alzey bei Mainz an. Bisher hatte das Unternehmen nur den deutschen Hauptsitz in Bad Homburg bei Frankfurt. Ab 2027 sollen auf einer Fläche von 30 Hektar, umgerechnet 32 Fußballfelder, in Alzey dann Präparate „Made in Germany” hergestellt werden. Die Entscheidung für Deutschland hatte vor allem geografische Gründe. Eli Lilly beton der deutschen Standort sei „logistisch sehr günstig zwischen dem deutschen Hauptsitz in Bad Homburg und dem Produktionsstandort bei Straßburg“ gelegen.
Die neueste Innovation auf diesem Gebiet ist de Abnehmpille. Wie Novo Nordisk am 22. Dezember 2025 mitteilte, hatte die Food and Drug Administration (FDA) seine Wegovy-Pille für den U.S.-Markt zugelassen. Novo Nordisk und Eli Lilly hatten sich bis dahin ein erbittertes Rennen um diese Weiterentwicklung geliefert. Doch Lilly zog nach. Die FDA ließ Anfang April 2026 die Abnehmpille „Foundayo“ von Eli Lilly zu.
Und auch Europa ist auf dem Weg zur Abnehmpille. Die European Medicines Agency (EMA) erteilte der Wegovy-Pille von Novo Nordisk im Mai 2026 die Zulassung als erstes orales Medikament zur Gewichtsreduktion in Europa. Seit Anfang September ist die Abnehmpille in deutschen Apotheken erhältlich. Auf das Präparat von Lilly werden Patienten noch etwas länger warten müssen. Es wird aktuell noch von der EMA geprüft. In Großbritannien ist das Präparat aber bereits zugelassen und auf dem Markt erhältlich.
2026 kommt die GLP-1-Abnehmpille nach Europa.
Leonharda Neumann
Diätassistentin Rebecca Reif erklärt, wieso diese Entwicklung wichtig für Betroffene ist: „Es bringt mehr Lebensqualität. Leute zu spritzen ist ja nochmal was anderes, als ihnen eine Tablette zu geben. Somit macht diese Form der Therapie das Medikament für mehr Menschen zugänglich. Es senkt aber auch die Hemmschwelle. Uns allen wäre es wahrscheinlich lieber, eine Tablette zu nehmen, als sich zu spritzen.”
Doch wieso sind GLP1-Medikamente überhaupt so revolutionär? GLP-1 ist ein Darmhormon, das die körpereigene Insulinproduktion anregt. Diese Wirkung wird von Medikamenten wie Ozempic oder Mounjaro imitiert. Diabetes-Typ-2-Patienten, also Menschen die im Lauf ihres Lebens eine Insulinresistenz entwickelt haben, mussten sich vorher Insulin spritzen, nun können sie ihrem Körper helfen, wieder genug Insulin selbst zu produzieren. Der Nebeneffekt: GLP-1 erhöht das Sättigungsgefühl. Gerade für Menschen mit „Food Noise“, also bei denen sich ihre gesamten Gedanken ums Essen drehen, verschaffen diese Medikamente daher große Linderung wie die Fachgesellschaft für Ernährungstherapie und Prävention (FET) erklärt.
Dagmar Wünsche hat mit 20 86 Kilo gewogen, 142 Kilo war ihr Höchstgewicht. Heute wiegt sie mit Hilfe der Medikamente 116.
Erstellt mit ChatGPT von Leonharda Neumann
„Am Anfang war es wirklich ganz krass, dass ich gar nichts mehr essen mochte, also egal, was“, berichtet Wünsche. Ihr hat das bei der Ernährungsumstellung sehr geholfen: Der Hunger ist nicht mehr so groß, man isst weniger. Man verträgt keine fettigen Sachen mehr. Dadurch steigt man automatisch auf gesündere Sachen um, so dass man viel Salat isst, viel Gemüse. Also, man ernährt sich deutlich ausgewogener.”
„Um eine langfristige, nachhaltige Abnehmsituation zu schaffen, muss eine Ernährungsumstellung, und am besten auch eine Bewegungsumstellung, kommen, damit man das Gewicht auch ohne Medikamente halten kann. Das Ziel sollte immer sein, dass man irgendwann auch wieder von der Spritze wegkommt und ein normales Leben führen kann,“ erklärt Reif.
Ein KwikPen, besser bekannt als die Abnehmspritze Mounjaro. Drei Injektionen sind in so einem Pen enthalten.
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Auch Wünsche möchte die Spritze irgendwann wieder absetzen: „Ich hoffe natürlich, dass ich von dem Medikament auch wieder wegkomme. Dass ich das nicht mein Leben lang nehmen muss, sondern dass sich mein Blutzucker halt einfach stabilisiert. Das wäre ne tolle Sache. Doch auch hier gibt es natürlich den Jojo-Effekt.” Die Forschung zeigt auch bei dieser Methode des Abnehmens nehmen die Patienten stark wieder zu, nachdem sie das Medikament wieder abgesetzt haben. Daher wird aktuell eine Erhaltungsdosis von 2,5 mg empfohlen. Ihren Wunsch nach einem medikamentenfreien Leben kann sie sich nur erfüllen, so sagen es ihr die Ärzte, wenn sie es schafft, einen gesunden Lebensstil zu etablieren.
Für Reif ist das Gesundheitsbewusstsein der Patienten daher essenziell: „Wir in der Therapie wollen dahin, dass der Patient sich ohne irgendwelche Medikamente, ausgewogen ernähren kann, Sport machen kann. Deswegen ist Ernährungs- und Bewegungstherapie die Basis.“ Dies entspricht den Leitlinien der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG). Diese begrüßt grundsätzlich jede Entwicklung, die zu einer Verbesserung der Versorgung und der Therapieoptionen der Patienten führe. Daher hat sie den in der Abnehmspritze von Novo Nordisk enthaltenen Wirkstoff Semaglutid 2024 auch in ihre Leitlinien zur Behandlung von Adipositas aufgenommen.
Betroffene, die GLP-1-Medikamente nehmen, haben wenig Hunger. Sie essen am Tag dann statt benötigter 2000 Kalorien zum Beispiel nur 1400.
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Sie weist aber darauf hin, dass eine medikamentöse Behandlung von Adipositas erst zu einem späten Stadium der Erkrankung erfolgen sollte. Diese Haltung steht auch in Zusammenhang mit dem seit der Einführung der GLP-1-Medikamente Anfang der 2020er-Jahre entstandenen Hype und dem Image als sogenannte Lifestyle-Medikamente. Vor allem die Sozialen Medien trugen zu dem Aufschwung der Präparate bei. Die Nachfrage stieg rasant.
Die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) gab bekannt „bislang noch zu keiner anderen Medikamentengruppe eine derart hohe Zahl an Rezeptfälschungen in so kurzer Zeit festgestellt zu haben“. Die Gesundheitskasse klärt daher ebenfalls darüber auf, dass die medikamentöse Behandlung die aller letzte Möglichkeit ist und vorrangig zur Behandlung von Diabetes eingesetzt werden sollte. Sie warnt davor, die Medikamente ohne medizinische Indikation einzunehmen.
Für Wünsche ist dieses Medikament mit Sicherheit kein Lifestyleprodukt: „Also, ich würde es nicht als ‚Abnehmspritze‘ bezeichnen, sondern für mich ist Mounjaro wirklich dafür da, meinen Diabetes zu behandeln. Eine reine Abnehmspritze hätte ich nie genommen. Es hat mir sehr geholfen, mich von der Insulinabhängigkeit weggebracht. Ich brauche auch keine Pille, für mich geht es auch so. Letztendlich wünsche ich mir, dass ich mithilfe von Mounjaro wirklich komplett da herauskomme!”
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