Gesellschaft

Hochhausbau: hohe Anforderungen an Logistik, Infrastruktur und Verkehr

Max Martin Rahn
Lesezeit 8 Minuten
Blick auf Stadt aus Vogelperspektive

Der Blick auf das geplante Tower-Building von oben: Man sieht, wie sich das Gebäude in eine dichte Bebauung in München-Laim einfügt.

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Herzog & de Meuron

Die Logistik rund um Hochhäuser ist komplex. Max Martin Rahn sprach mit Ulrich Schaaf vom Stadtplanungsamt über seine vielseitigen Aufgaben.
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Im Zentrum von München fehlt Baufläche. Es herrscht Wohnungsmangel. Unternehmen mit großen Büros ziehen ins Umland. Das bedeutet: Wenn dann doch gebaut wird, geht es hoch hinaus. So könnten am historischen Paketpost-Areal zwischen Laim und Neuhausen schon bald zwei Wolkenkratzer mit 155 Metern entstehen. Beim Bau von Wohnungen und Bürogebäuden in einem Projekt dieser Größenordnung geht es nicht nur um Architektur. Auch Verkehr, Infrastruktur und Logistik müssen funktionieren. 

Das komplexe Bauprojekt der Zwillingstürme schreitet voran: Das Gesamtkonzept steht, das geplante Design der neuen 155-Meter-Hochhäuser ebenso wie die Entwürfe für die nahe Umgebung und den Untergrund. „Es sind umfangreiche Überlegungen bei solch einem Projekt, die angestrengt werden müssen“, erklärt der Architekt und Stadtplaner des Stadtplanungsamtes München, Ulrich Schaaf. So sei beispielsweise eine große Tiefgarage mit drei Ebenen für das Großprojekt vorgesehen, die alle Gebäude unterirdisch miteinander verbindet.

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Paketposthalle innen

So soll die Paketposthalle in der Zukunft als Mehrzweckhalle neben den Zwillingstürmen von innen aussehen.

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Herzog & de Meuron

Die Tiefgarage werde so gestaltet sein, dass einer Begrünung nichts im Wege stehe. „Sobald der Bebauungsplan und das Baurecht fix sind, können die Bauanträge eingereicht werden, neben den Wettbewerben für die Umgebung.“ Dieses Procedere könne 2026 abgeschlossen werden und der Baubeginn 2027 erfolgen. Die vorgesehene Bauzeit für das gesamte Areal werde acht bis zehn Jahre betragen, mit der Fertigstellung der Türme als letztem Bauabschnitt.

Zahlreiche Fachreferate sind involviert: Bau-, Mobilitäts-, Klima- und Umweltschutz-, Bildungs- und Sozialreferat. „Insgesamt sind 25 Gutachten durch Fachreferate bezüglich des Hochhausbaus an der Paketposthalle notwendig“, so Schaaf. Neben gängigen Gutachten wie für Verkehr-, Umwelt- und Artenschutz müssten ebenso Lärmschutz, Jugendkultureinrichtungen und in Anbetracht von sehr hohen Gebäuden auch der sogenannte „Windkomfort“ mitgedacht werden. Sonst kann es laut Schaaf zu Fallwinden und anderen ungewollten Tunneleffekten kommen. Der „Masterplan“ werde in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Herzog und de Meuron stetig weiterentwickelt. So wurde zuletzt in den Entwurf der Hochhäuser eine leichte Verdrehung eingearbeitet.

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Bahnverkehr von oben

Personen- und Materialversorgung müssen verkehrstechnisch vor deiner Bebauung  konzeptionell erarbeitet sein. 

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Max Martin Rahn

Die Bevölkerungsdichte steigt ständig. Da muss natürlich auch der Öffentliche Nahverkehr mitziehen. Das kann eine dichtere Taktung des Bahnverkehrs oder längere Züge bedeuten. Grundsätzlich ist das Areal bereits angebunden. So verkehren die S-Bahn an der nahegelegenen Station Hirschgarten, die Tram-Bahn 16 und 17 sowie einige Buslinien. Laut dem Mobilitätskonzept der Stadt wird vermehrt auf Car-Sharing gesetzt. Neue Ladestationen für Autos und E-Fahrräder werden gebaut, außerdem Stellplätze für Fahrräder. Das Mobilitätsreferat forciere außerdem den Ausbau der Radwege. 

„Auch das Betreuungsangebot ist ausreichend abgedeckt“, sagt Schaaf. Es gebe drei Kitas in der Nähe und auch für Schulbildung sei gesorgt. Ein neuer Schulbau in der Nähe scheint ausgeschlossen. Der Investor kümmert sich nicht nur um den Hausbau, sondern muss sich anteilig auch an den entstehenden Kosten durch die neu hinzugezogenen Menschen beteiligen. Das heißt: Neue Geldmittel für Betreuungseinrichtungen und das Gemeinleben stehen zur Verfügung.

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Paketposthalle im Dämmerlicht

Die historische Paketposthalle ist denkmalgeschützt und wird sich künftig in umgebauter Form in das Gesamtensemble einfügen.

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Herzog & de Meuron

Für das Wohlbefinden der neuen Anwohner wird ebenfalls gesorgt. So ist ein Freizeitangebot im Nutzungskonzept für die denkmalgeschützte Paketposthalle vorgesehen. Kinder dürfen sich über Spielplätze und Jugendliche sowie Erwachsene über Sportmöglichkeiten freuen. 

Umwelt- und Nachhaltigkeit sind laut Schaaf von großer Bedeutung. Die Stadtwerke München planen die Bereitstellung der Strom-, Gas- und Wasseranschlüsse. Zum Beheizen der Gebäude soll ein Fernwärmeanschluss zur Verfügung stehen. Es werde auf eine maximal mögliche Energiegewinnung und Begrünung im Rahmen des Projekts geachtet. Neben einer Dachbegrünung werde Energie auf dem Dach und an den Fassaden gewonnen, um langfristig eine vertretbare CO²-Bilanz zu erreichen. Die sehr hohe Überdeckung der Tiefgarage von 1,5 Metern ermögliche außerdem, größere Bäume pflanzen zu können. 

Neueste Technologien wie Solarfolie in den Fenstern werde hingegen wohl nicht zum Einsatz kommen. Das wäre der Umweltbilanz potenziell zuträglich gewesen, zumal diese das eintreffende Licht nur um etwa zehn Prozent reduzieren und Wolkenkratzer generell aus viel Glasfläche bestehen.

Offen bleibt aktuell die Frage eines Bürgerbescheids zum Stopp des Vorhabens. Knapp 33.000 Stimmen wurden gesammelt, und aktuell wurde die rechtliche Zulässigkeit bestätigt. Sollte ein Bürgerbescheid Erfolg haben, so gibt es laut Schaaf nur diesen Plan-B: „einen alten Bebauungsplan für die gewerbliche Nutzung“ des Stadtplanungsamtes, antwortet Schaaf auf diese häufig gestellte Frage. 

Die Bürger Münchens stehen aktuell vor einer offenen Zukunft in Bezug auf die künftige Gestaltung ihrer Stadt: Bewahren des klassischen Stadtbildes oder Wandel in Richtung von Großstädten wie London oder Paris.

Ein Artikel von

Max Martin Rahn