Zwischen Sattel und Sensor
Bikefitter Theo Kazis misst mit Lot und Maßband. Judith Weghofer hält die Position. Eine Vorbereitung auf den Ironman in Hawaii.
Bernhard Gmeiner
Judith Weghofer liegt im Auflieger. Die Ellbogen ruhen auf den Pads, der Kopf sinkt ab, der Rücken wird flach. Sie will diese Position für Stunden halten. Und sie will dabei schnell sein.
Weghofer arbeitet Vollzeit und trainiert Triathlon. Als Amateurin war sie schon beim Ironman auf Hawaii ― einem der begehrtesten Langstreckenrennen der Welt. Sie will es nochmal schaffen. Jetzt lässt sie ihr neues Triathlonrad aerodynamisch optimieren und ergonomisch anpassen.
„Ich habe das Rad gekauft und wusste, dass ich jemanden brauche, der mir sagt, ob ich da wirklich richtig sitze. Das kann ich nicht selbst beurteilen“, sagt Weghofer.
Kazis prüft den Kniewinkel und die Stellung der Pedalplatten. Schon kleine Veränderungen beeinflussen die Kraftübertragung.
Bernhard Gmeiner
Theo Kazis arbeitet als Bikefitter bei triathlon.de, einem Anbieter für Produkte und Dienstleistungen im Triathlon. Er erklärt, ihn würden Wettkampfsportler aufsuchen, auch Menschen, die einfach beschwerdefrei auf dem Rad sitzen wollten. Zum Bikefitting kam er über seine Arbeit als Radmechaniker: 2022 ließ er sich zum Bikefitter schulen, erwarb ein Zertifikat und hat seither mehr als 1.500 Fittings gemacht.
Seine Arbeit beginne nicht am Lenker, sagt Kazis. Er starte am Fundament: zuerst die Sattelhöhe, dann der Versatz nach vorne oder zurück. Alles nach biomechanischen Grundsätzen, also danach, wie sich der Körper beim Treten bewegt und belastet. Erst dann widme er sich dem Cockpit.
„Viele fixieren sich auf Zahlen“, sagt Kazis. „Dabei ist jeder Mensch individuell.“ Trotzdem lässt er seine Kunden vorher und nachher vergleichen. Damit sie sehen, was sich verändert hat. Und um sie mit dem Ergebnis vertraut zu machen.
Auf dem Monitor laufen Trainingsdaten in Echtzeit mit. Die Software erfasst Leistung und Trittfrequenz während des Fittings.
Bernhard Gmeiner
Kazis Vorgehen ist kein Einzelfall. Die Branche arbeitet zunehmend mit digitalen Hilfsmitteln. Die Bandbreite reicht von Satteldruckanalysen, bei denen ein Sensor auf dem Sattel misst, wie das Körpergewicht verteilt ist, bis zu Motion-Capture: Dabei werden Marker an Gelenken befestigt, eine Software erstellt daraus ein 3D-Modell und berechnet Winkel in Schulter, Hüfte und Knie. Zwar gab es diese Systeme auch schon früher, neu ist jedoch, wie breit verfügbar und datengetrieben diese Systeme heute eingesetzt werden.
Dort setzt auch die Aerodynamikmessung an. Kazis nutzt die Software Bioracer Aero: Für eine sogenannte virtuelle Windkanalmessung fährt die Athletin vor einem grünen Hintergrund. Die Kamera erfasst die Frontfläche und erkennt, wie viel Fläche der Körper dem Wind entgegenstellt. Daraus wird errechnet, wie viel Watt die Position kostet oder spart. Für Weghofer, die auf Hawaii jeden Watt braucht, ist das enorm wichtig.
Ein weiterer Experte ist Peter Scheffler, er leitet das Radlabor in München, das seit fast zwanzig Jahren Radfahrer aller Art berät ― lange genug, um zu sehen, wie sich der Beruf verändert hat. Scheffler selbst kam über einen Werkstudentenjob ins Radlabor: Während seines Sportwissenschaftsstudiums begann er dort, heute blickt er auf zehn Jahre Berufserfahrung zurück. Sein Team arbeitet mit einem Messsystem: Körper und Rad werden per Laser vermessen. Ein Algorithmus mache dann den Rest, berichtet er, und berechne daraus eine Ausgangsposition.
„Das trifft zu fünfundneunzig Prozent“, sagt Scheffler. Danach komme das individuelle Feintuning: Kameraanalyse, Winkelkontrolle, Pedaleinstellung, Sattelanpassung. „Der Kunde soll außerdem etwas in der Hand haben“, sagt auch der Bikefitter Kazis. Er halte alle Einstellungen in einem Protokoll fest, damit die Position reproduzierbar bleibe, wenn das Rad getauscht werde oder der Körper sich verändere. Für die Radfahrerin Weghofer ist das mehr als Komfort. Sie fährt ins Trainingslager, das Rad muss neu aufgebaut werden. Das Protokoll reist mit.
Theo Kazis wertet die Aufnahme aus. Die Kamera auf dem Stativ überträgt das Bild direkt auf den Laptop.
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Früher, sagt Scheffler, seien vor allem ambitionierte Männer Mitte vierzig an ihn herangetreten, die leistungsstärker werden wollten. Das habe sich verschoben. Heute komme, wer Knieschmerzen habe, wer ein teures neues Rad gekauft habe oder nach einer Verletzung wieder anfange. Der Altersdurchschnitt sei gesunken, der Frauenanteil gestiegen.
„Das Verständnis hat sich geändert“, sagt Scheffler. „Weg von nur Leistung, hin zu Gesundheit und Prävention.“ Erste Anbieter experimentierten bereits mit Elektromyographiesensoren, die Muskelaktivität während des Fahrens messen und Dysbalancen sichtbar machen. Das Fitting werde dabei vollumfänglicher, sagt Scheffler. Individuell angepasste Einlegesohlen, gezielte Athletikempfehlungen, Zusatzleistungen, die über die reine Positionseinstellung hinausgehen.
Und doch gibt es ein Problem. Bikefitting ist kein geschützter Beruf. Wer sich so nennt, muss keine Ausbildung nachweisen. Es gibt keine einheitlichen Normen, keine staatlich anerkannte Prüfung.
Als Orientierung nennt Scheffler Rezensionen, Empfehlungen und einen fachlichen Hintergrund. Sportwissenschaft oder Physiotherapie seien gute Voraussetzungen. Auch die Hemmschwelle für einen Termin ist gesunken. „Das Rad kostet ein Schweinegeld“, sagt Scheffler.
Allein in Deutschland wurden im letzten Jahr laut einer Marktanalyse des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV - Die Fahrradindustrie) 3,8 Millionen Fahrräder und E-Bikes verkauft. „Die Leute sagen: Dann will ich es auch richtig fahren. Das sind fünf Prozent vom Kaufpreis, die man in seine Gesundheit investiert.“ Die Zahlungsbereitschaft sei da.
Wie teuer das obere Segment inzwischen ist, zeigt ein Blick auf die Herstellerseiten: So listet die italienische Fahrradmarke Cervélo ihr Triathlonmodell P5 je nach Ausstattung aktuell für 9.999 bis 13.499 Euro.
Weghofer hält die Aeroposition noch ein letztes Mal. Danach gibt es Dokumente mit den passenden Einstellungen.
Bernhard Gmeiner
Am Ende bekommt Weghofer ein Protokoll. Der Sattel steht höher als zuvor. Die Armauflagen wurden angewinkelt, um den Luftwiderstand zu verringern. Kazis lässt sie die Position noch einmal halten. Dann nimmt sie das Blatt mit.
„Ich weiß jetzt, was eingestellt wurde und warum“, sagt Weghofer zufrieden, ihre Erwartungshaltung sei voll erfüllt worden. In einem Beruf ohne feste Grenzen ist Nachvollziehbarkeit ein wichtiger Vertrauensbeweis: Damit beweisen die Bikefitter, dass sie auch halten, was sie versprechen. Der letzte Test wird sich auf Hawaii zeigen.
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